Kokoreç – das wahre Fast Food der Türkei

Ich hatte ja schon angekündigt, das Thema Kokoreç hier noch einmal gesondert behandeln zu wollen. Meine erste Begegnung mit dieser „Männerspeise“ war allerdings ein bisschen grotesk: Vor etlichen Jahren war ich mit meiner Freundin in Thessaloniki, und uns stand der Sinn nach einem griechischen Abendessen. Also gingen wir in ein volkstümliches Viertel und setzten uns in ein Lokal. Die Spezialität hier war κοκορέτσι, was wir dank unseres VHS-Kurses Russisch als „Kokoretsi“ lesen konnten. Aus einer Plemplem-Interpretation heraus dachten wir, das wäre Hähnchen (wegen des Hahns in Frankreich, der ja bekanntlich „cocorico“ ruft statt wie bei uns „kikiriki“). War es aber nicht. Es schmeckte würzig, nach scharf angegrillten Fleischbröckchen, ein bisschen streng, aber wirklich gut.

Mittlerweile bin ich natürlich schlauer und möchte Euch dieses legendäre Fast Food näher vorstellen: Der Begriff kommt offenbar aus dem Aromunischen, einer Sprache des südlichen Balkan, adaptiert dann vom Albanischen, Griechischen und schließlich Türkischen. Interessanterweise scheint das auch der heutigen Verbreitung zu entsprechen, denn Kokoreç in seinen verschiedenen Versionen kann man von Tirana über Skopje, Thessaloniki und Istanbul bis nach Izmir in vielen Schnellimbissen kaufen. Einen richtigen Hype gibt es aber hier in Istanbul.

Kokoreç besteht aus (selbstverständlich sorgfältig gereinigten) klein geschnittenen Lammdärmen, die wie dickes Garn auf einen Spieß gewickelt werden. Der Kern dieser Rolle besteht dabei aus Lammfett, um das Eintrocknen der Därme zu verhindern. Irgendwelche anderen Schafsinnereien haben in einem richtigen Kokoreç übrigens nichts zu suchen. Nachdem der Spieß über dem Holzkohlefeuer lang genug gedreht wurde und außen knusprig geworden ist, werden wie beim Döner (nur halt horizontal) die Stücke heruntergeschnitten, danach allerdings fein gehackt. Dieses schnelle Hacken ist für mich eines der typischsten Geräusche in Istanbul. In der Istanbuler Version werden die kleinen Fleischstückchen mit gehackten Tomaten, Zwiebeln und Gewürzen (Kreuzkümmel und getrocknete Peperoni) gemischt. Die Variante aus Izmir verzichtet hingegen auf Tomaten und Zwiebeln.

Die klassische Art, Kokoreç zu essen, sind zwei gefüllte Brothälften zum Mitnehmen. So etwas kostet je nach Größe zwischen 4 und 7 türkische Lira. Setzt man sich ins Restaurant, gibt es Kokoreç auch als „Porsiyon“, also als Portion auf dem Teller, wobei man mit etwa 10 TL rechnen muss (knapp 5 €). Früher wurde Kokoreç von fliegenden Händlern angeboten, aber diese Zeiten sind vorbei, und es gibt die aromatische Speise nur noch in Etablissements mit entsprechendem technischen Equipment. Warum eigentlich? Das ist ein Politikum. Vor einigen Jahren nämlich ging ein schauderhaftes Gerücht durch die türkische Imbisslandschaft: „Wenn wir in die EU kommen, werden sie uns das Kokoreç verbieten!“, so hieß es überall. Auch deutsche Medien berichteten damals darüber wie die Süddeutsche oder der Tagesspiegel.

Mittlerweile hat sich alles ein wenig beruhigt. Die Türkei will vielleicht gar nicht mehr in die EU – und das Kokoreç ist weniger gefährdet denn je. Allerdings sorgte sich auch der türkische Staat um die Einhaltung der hygienischen Bestimmungen und hat den ungeregelten Straßenverkauf kurzerhand verboten. Trotzdem mangelt es keineswegs an Möglichkeiten, diese Nummer Eins des Street Foods zu testen. Die Sahne Sokak mitten im Ausgehviertel Beyoğlu hat beispielsweise gleich vier bedeutende Kokoreç-Stätten aufzuweisen: Şampiyon Kokoreç, Golden Kokoreç, Mercan Kokoreç und den Vierten, dessen Namen ich vergessen habe, bei dem ich mich gestern nach dem Livekonzert aber noch stärken konnte. Eine weitere gute Adresse ist der obere Teil der Galip Dede Caddesi in der Nähe des Tünel-U-Bahn-Ausgangs. Hier reiht sich ein Geschäft für Musiker-Bedarf an das andere, da darf ein herzhaftes Kokoreç zwischendurch beim ganzen Jammen und Mischpulte ausprobieren natürlich nicht fehlen.

Zum Schluss vielleicht noch etwas: Kokoreç ist durchaus nicht nur ein Männeressen. Wir konnten selbst blonde Holländerinnen dafür begeistern. Nur auf eins sollte man achten: Kokoreç muss wirklich heiß gegessen werden, der knusprige Grillgeschmack geht sonst nämlich verloren.

P.S. Bis jetzt habe ich jeden zweiten Tag Kokoreç gegessen. Es könnte durchaus sein, dass ich den Schnitt weiterhin halte…

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13 Antworten zu Kokoreç – das wahre Fast Food der Türkei

  1. Marqueee schreibt:

    Nur, weil ich heute zufällig darüber gestolpert bin, ich nehme zwar an, Du kennst die Seite, aber just in case…

    Istanbul Eats?

    • chezmatze schreibt:

      Danke für den Link! Lustig, das zugehörige Buch hat mir meine Freundin gerade heute gekauft! Derbe Auslassung: Im Buch gibt’s nichts über Kokoreç! Aber dafür Folgendes auf der Website: „With its cultish following and vocal opposition, kokoreç is probably the most polarizing street food in town – either you eat kokoreç or you do not and you defend your position fiercely.“ Die Autoren aßen erst letzten August ihr erstes… ich hingegen gerade schon wieder eins – der Schnitt steigt!

  2. Lijbosz Nek schreibt:

    Wie verbreitet ist denn Tantuni als Snack in Istanbul? Oder ist das dann doch eher in Mersin zu finden? Bei meinem Stamm-Imbiss schmecken die vorzüglich – obendrein machen die noch einen grandiosen Adana-Kebab(p?).

    • chezmatze schreibt:

      Tantuni bekommt man ziemlich gut hier. In Karaköy, nicht weit vom Fähranleger, gibt es zum Beispiel „Beşaltı Kirwen“, die sind relativ bekannt hier. Aber im Grunde gibt es noch etliche andere in Beyoğlu. Ich nehme an, dass es damit zusammenhängt, dass Beyoğlu das Zentrum des (alternativen) Nachtlebens ist, und da sind Imbisse natürlich hoch willkommen.

      Ohnehin, das Tolle an Istanbul ist unter anderem, dass es eine „Einwandererstadt“ für die ganze Türkei ist. Das heißt, man bekommt hier auch Spezialitäten aus anderen Landesteilen wie eben aus Mersin, Adana, Hatay, Van oder der östlichen Schwarzmeerregion, weil die Leute meist besserer Zukunftsaussichten wegen in den letzten Jahrzehnten nach Istanbul gegangen sind. Einer meiner Favoriten in Deutschland war immer Iskender Kebap, mit scharfer Tomatensoße, Joghurt und darin eingeweichtem Brot…

      Übrigens, es heißt hier in der Regel Kebap mit „p“. „Kebabı“ habe ich aber genauso gesehen, selbst bei denselben Begriffen. Ist mit rätselhaft, aber vielleicht kann das ja jemand klären, der Türkisch spricht (also nicht so wie ich: „zwei Tee, bitte, danke, schönen Tag noch“).

      • Zuzu schreibt:

        Hallo,

        Kebab oder Kebap, welches nun die ursprüngliche Schreibvariante ist, weiß glaube ich niemand mehr.

        Im Falle von „Kebabi“ handelt es sich grammatikalisch um den Akkusativ.
        Türkische Wörter, die mit einem lautlosen Konsonanten enden , wie Keba“p“, werden im Falle des Akkusativs zum Zweck der Klankharmonisierung „verweichlicht“ und zu einem „b“ umgeformt. Dann folgt noch die übliche Endung „i“ — et voila „kebabi“.
        Vor dem „kebabi“ wird immer angegeben sein, um was für ein Kebab es sich handelt. Iskender kebabi, adana kebabi usw.
        Also, wenn Du beim Türken bist und mit „Adana kebabi“ lütfen, bestellst, (wobei hier selbstverständlich das i ohne dem Punkt gemeint ist !) wirst du in jeder Gastronomie schonmal nicht mehr als „üblicher Touri“ kategorisiert, sondern gehörst zum Kreis der Kundigen 😉

        Viel Spaß also,

        Zuzu

      • chezmatze schreibt:

        Dankeschön, auf einen solchen Kommentar hatte ich gehofft!

  3. Pingback: Istanbuler Street Food-Alphabet, Kes-Y | Chez Matze

  4. Pingback: Kokoreç in Köln | Chez Matze

  5. Pingback: Wieder in Bangkok | Chez Matze

  6. Lala schreibt:

    Lecker!
    Ich verstehe einfach nicht, wieso es keinen Kokorec in Deutschland besonders in Berlin gibt!
    Kokorec ist mein absolutes Lieblingsessen und ich kann es einfach nicht nachvollziehen.
    Die Wurst hier wird doch auch in Darm getan?
    Da gibt es wirklich heutzutage alles in Berlin zu finden, ausser Kokorec.
    Könnte ich mich immer wieder drüber aufregen…

  7. Lala schreibt:

    Und zu den Fragen wegen Kebap und Kebabi:
    Kebap ist einfach nur das Nomen, kann man genauso auch Kebab schreiben.
    Kebabi bedeutet das der Kebab, ein spezieller Kebab ist, das Wort Kebabi kann also nicht alleine stehen.
    Beispiel: Adana-Kebabi (hier steht der Ort davor und drückt damit die Spezialität des Kebabs aus Adana aus, heisst also Kebab aus Adana)

  8. Pingback: Meine zwölf Pflichten in Istanbul | Chez Matze

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