Türkischer Wein: Corvus Teneia Çavuş 2008

Ein türkisches Märchen: Es war einmal ein kleiner Junge namens Resit, der wollte reich und berühmt werden – und groß wie ein Baum und schwarze Locken haben und… „Moment mal“, sprach da die gute Fee, „so geht das ja nicht! Werd erstmal reich und berühmt, über den Rest unterhalten wir uns später!“ Und so kam es, dass aus dem kleinen Resit Soley tatsächlich der berühmte Architekt gleichen Namens wurde, der Firmen gründete, Bankgebäude, Showrooms und Marinas entwarf und damit richtig reich werden konnte. Wegen der anderen Sachen hat sich die Fee leider nicht mehr gemeldet. Aber nun, so ist das manchmal mit Frauen. Was das Ganze jetzt mit Wein zu tun hat? Eine Menge.

Resit hatte nämlich sehr viel Wert darauf gelegt, möglichst reich und berühmt zu werden. Vielleicht sogar ein bisschen zu viel. Vielleicht hatte er seinen eigenen Träumen und Sehnsüchten ja zu wenig Gehör geschenkt. Glücklicherweise beschlich ihn diese Ahnung nicht erst in der (selbst entworfenen) Senioren-Residenz, sondern in der Mitte des Lebens. Resit wollte Wein machen, und das auf „seiner“ Insel, an die er immer denken musste, wenn er in Istanbul wieder einmal mit Bankmanagern über die Farbe der Jalousien streiten musste. Und dann hat Resit mit 46 Jahren im Jahr 2002 einfach sein Geld zusammen genommen, 100 ha Land auf Bozcaada gekauft, der türkischen Insel in der nördlichen Ägäis und sein Weingut „Corvus“ genannt. Auch sehr schön (und mit noch mehr Details) berichtet darüber J.S. Marcus im „Wall Street Journal„.

Auf Bozcaada, dem griechischen Tenedos, gab es schon immer Weinbau, bezeugt jedenfalls seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. Natürlich hatte die strategisch günstige Lage am Eingang der Dardanellen auch ihre Nachteile. Griechen, Perser, Makedonier, Römer, Byzantiner, Genueser, Venezianer, Osmanen, alle rangen nach-, mit- und gegeneinander um die Insel. Nach dem griechisch-türkischen Krieg 1922/23 wurde die Insel der Türkei überantwortet und sah in der Folgezeit einige unschöne Zwistigkeiten zwischen Griechen und Türken. Zum Glück ist das für alle aufgeklärten Insulaner Schnee von gestern. Mittlerweile kommt die griechische Community nämlich in großer Zahl zum jährlichen Weinfest am 26. Juli auf die Insel, und Türken wie Resit Soley bauen die alten, gemeinsamen Rebsorten wieder an. Jene hören auf Namen wie Vasilaki, Kuntra, Karalahna und Çavuş. Von letzterer stammt der heutige Wein, ein Weißwein mit dem Namen „Teneia“ als Verweis auf die weinbauliche Vergangenheit der Insel.

Die Farbe ist ein kräftiges Weißgelb mit leicht grünlichen Reflexen. Die Nase gefällt mir: Zitrus, deutliche Mineralität (Kalkboden, soweit ich weiß), etwas Puder. Im Mund ist der Wein erstaunlich viskos, nicht schwer, aber ein bisschen bequem. Früchte sind weniger zu schmecken, höchstens gewisse Quittennoten, vor allem aber blütig-kräuterige Einflüsse: Lindenblüten, trockenes Heu, seltsamerweise eindeutig Biscuit. Der Abgang ist verblüffend kräutertrocken und bitter. Was solo irgendwie uninspirierend wirkt, vermählt sich mit gegrilltem Mittelmeerfisch wesentlich besser. Am ehesten erinnert mich der Wein an Vermentino. Später zu salzigen Erdnüssen kommen noch fruchtsüße Traubentöne durch, die zu Anfang gar nicht so präsent waren (ich hatte den Wein nicht dekantiert). Çavuş ist lange Jahre nur als Tafeltraube angebaut worden, und wenn man sich anstrengt (oder es sich einbildet), kann man ebenjene Beziehung zu Schicksalsgenossen wie Gutedel/Chasselas oder Muskat auch schmecken.

Um meine Eindrücke zusammen zu fassen: Auch wenn ich keine besonderen Sympathien für millionenschwere Neuanpflanzungen hege, muss ich sagen, dass mir das Konzept der Wiederbelebung Bozcaadas als Weininsel gefällt. Ja ja, es ist mittlerweile auch ein Treffpunkt der Istanbuler „Jeunesse Dorée“. Aber wenn sie Wein aus – ich wiederhole mich – Vasilaki, Kuntra, Karalahna und Çavuş trinken statt ihr Geld für Louis-Vuitton-Taschen auszugeben, dann soll mir das Recht sein. Damit sind wir beim Preis angelangt, und ich muss zugeben, dass man sehr viele Flaschen Corvus Teneia trinken muss, um die Kreditkarte in einen ähnlichen Zustand zu versetzen wie nach dem Besuch des Louis-Vuitton-Shops: Der Wein hat mich 22 TL gekostet, nach heutigem Wechselkurs 10,24 €. Für die andere Klientel hält Resit Soley jedoch noch seinen Blend Nr. 1 aus (Luft holen) Cabernet Sauvignon, Syrah, Merlot, Malbec, Karalahna und Cabernet Franc bereit, der schon mal in den Bereich von 120-130 € kommt.

Mein heutiger Wein hat sich jedenfalls gelohnt. Nur mäßig elegant, aber mit einigem Charakter ausgestattet, empfehle ich jedem, diesen preisgünstigen Ägäiswein zu passenden Speisen einmal zu versuchen. Es gab ihn vor einiger Zeit bei LevantWines in Feldkirchen, die auch andere Weine von Corvus führen, für knapp 10 € zu kaufen. Punkte möchte ich für den Teneia nicht verteilen, weil ich heute urplötzlich Zweifel an Punktesystemen und ihren Wirkungen bekam (davon in einem der nächsten Blogartikel). Mini-Fazit zum Schluss: Es ist doch immer wieder spannend zu sehen, was die Weinwelt noch zu bieten hat. Ein Glück, dass ich nicht auf zehn Kisten Hauswein sitze, die demnächst ausgetrunken werden müssen.

P.S. Ich habe gerade gesehen, dass die schon erwähnten LevantWines jetzt am Freitag (11. Februar) im Café Feldkirchen bei München eine Weinprobe mit Weinen aus der Türkei und Israel veranstalten. Wer von Euch in der Nähe ist, das scheint mir doch eine gute Gelegenheit für echte Entdeckungen zu sein!

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3 Antworten zu Türkischer Wein: Corvus Teneia Çavuş 2008

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