Edit deutsche Rotweine: akzeptiert vs manipuliert

Manchmal geht das Leben neben dem Blog ja noch weiter. Ein Thema verselbständigt sich, Diskussionen kommen auf, neue Ideen werden geboren – und ich könnte mit einem bereits veröffentlichten Artikel wieder von vorn anfangen. Mache ich natürlich nicht, denn dafür gibt es die virtuelle Edit-Funktion: Ich fasse den neuen Stand einfach später noch einmal zusammen. So auch hier beim deutschen Rotwein, nachdem mich in dieser Sache ein Winzer kontaktiert hatte.

Dieser Winzer möchte sich allerdings auf diesem Blog oder in Foren nicht persönlich zu Wort melden, was ich selbstverständlich respektiere. Er wies mich darauf hin, dass mein Artikel zum Thema Deutscher Spätburgunder und die späteren Kommentare doch ein wenig missverständlich gewesen seien. Hier also etwas klarer: Die Entsäuerungsgeschichte gehört zum Weißwein, die Tanningeschichte zum Rotwein. Der Winzer ergänzte noch, dass die nachträgliche Tannin-Ausmerzung im Fachjargon „Gerbstoffschönung“ heiße und eine seit langer Zeit nicht nur legale, sondern weithin praktizierte Methode sei. Die Verwendung von Hausenblase und/oder Eiweiß sei dabei am häufigsten.

So weit, so klar. Dann aber wird es interessant, weil der Winzer noch darauf hinweist, dass es schwierig sei, bei derartigen Methoden eine sinnvolle Grenze zwischen „akzeptiert“ und „manipuliert“ zu ziehen. Beim Thema Entsäuerung merkt er beispielsweise an, dass für „Strenggläubige“ selbst der biologische Säureabbau (BSA), also die Umwandlung von Apfel- in Milchsäure, als entsäuernde Manipulation angesehen werden kann. Jedenfalls dann, wenn er durch Zugabe von vorvermehrten Bakterien eingeleitet wird. Und das würde nun wirklich jeder Rotweinwinzer machen, selbst die allergrößten. Zudem gäbe es ja noch die Kohlensäuremaischung, benutzt bei Beaujolais, Tinto joven und etlichen anderen, jung zu konsumierenden Rotweinen. Hierbei würden Tannine von vornherein vermieden werden. Sei das dann kein richtiger Wein? „Wo willst Du hier die Grenze ziehen?“, fragt er mich zum Schluss.

Puh, eine interessante Frage, eine komplexe Thematik. Zunächst einmal: Für das, was erlaubt oder verboten ist, gibt es Gesetze und Verordnungen, also (möglichst) exakt gezogene Grenzen. Nicht mein Zuständigkeitsfeld. In Meinungsdingen – und darum geht es ja hier – halte ich „Grenze“ für einen etwas problematischer Begriff, wenn damit eine fixe Linie gemeint ist, die Gut und Böse voneinander trennt. Dann wären wir nämlich beim Dogma und seinem unumstößlichen Wahrheitsanspruch. Ich und der Wein, wir beide kommunizieren nicht auf einer Wahrheitsebene miteinander, auch wenn er gelegentlich behauptet, dass die Wahrheit in ihm stecke.

Ich möchte das Ganze lieber als „Grenzkorridor“ bezeichnen. Dann gibt es in der Tat Methoden, die für mich jenseitig sind, wie zum Beispiel Enzymzufuhr für die Entwicklung von Aromastoffen im Wein oder auch Umkehrosmose zur Mostkonzentration. Andere Verfahren hingegen sind in meinem persönlichen Graubereich angesiedelt. Wieso Graubereich? Zum einen sollte man nicht vergessen, dass vieles kontextabhängig ist (ein Vollbad in einer Wüstenstadt zu nehmen ist etwas anderes als dasselbe in Norwegen), und das gilt sicher auch für die Rahmenbedingungen im Weinbau. Zum anderen sehe ich zwar die Gerbstoffschönung beim Rotwein oder die Entsäuerung beim Weißwein nicht als das Werk des Teufels an, aber sie missfallen mir dennoch.

Hauptsächlich liegt das daran, dass die meisten (nicht alle, Vorsicht vor dem Dogma!) Behandlungen dieser Art stabilisieren, nivellieren, unwillkommene Ecken und Kanten abschleifen sollen. „Charakter“ ist für mich aber ein wesensbildendes Element, bei Weinen wie bei Menschen. Ich habe nicht gesagt, dass ich Essigbrühe trinken will. Weinbau ist nicht nur Natur, sondern auch Kultur und Technik. Und mir ist auch bewusst, dass viele Verbraucher einen sehr engen Geschmacksrahmen besitzen und Weine ablehnen, die darüber hinausragen.

Für mich persönlich und für diesen Blog soll das aber nicht der Maßstab sein. Ich probiere gern verschiedenste Rebsorten und Weine aus abgelegenen Gegenden dieser Welt. Was mir besonders gefällt, ist ihre Unterschiedlichkeit im Charakter. Das kann einmal fruchtig und verspielt, ein anderes Mal spröde und steinig sein. Wenn ich dagegen 100 Weine aus den verschiedenen Weltgegenden probiere, die dank önologischer Verfahren alle gleich schmecken, dann ist für mich der Charakter futsch und der Wein zur Cola geworden. Zum Glück sind wir davon weit entfernt.

Oder etwa nicht? Welcher Weincharakter ist Eurer Meinung nach gefährdet?

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2 Antworten zu Edit deutsche Rotweine: akzeptiert vs manipuliert

  1. jens schreibt:

    Wenn ich jetzt nur mal an gestern Abend denke und den Wein, den wir im Glas hatten, da sage ich mal der klassische Bordeaux ist immer schwerer zu finden in der Preisklasse um die 20 Euro. Und wenn ich mich dann weiter im Keller meines Vaters umschaue muss ich zudem feststellen, dass da neuerdings einiges an modernem Zeugs aus Spanien rumliegt mit aberwitzigen Parkernoten für 10 Euro die Flasche. Brrrrrr…..

    Gestern hatten wir im Glas einen Haut-Bergey Jahrgang 99 Pessac Leognan aus dem Keller meines Vaters.
    Wer braucht eigentlich so einen Wein. Ich kann die Frage nur mit NIEMAND beantworten. Zum Glück konnte ich noch ne‘ geöffnete Flasche Portwein (LBV aus 05) auftreiben und hab‘ dann ein Glas davon genossen.

    Den spanischen Weinbau in der breiten Masse finde ich immer langweiliger, nivellierender und überflüssiger. Es gibt natürlich auch einige wenige Ausnahmen, die immer noch klassisch bereitet sind und einen Kauf wert sind.

    Grüße Jens

    • chezmatze schreibt:

      Ja, Bordeaux finde ich auch schwierig, wiewohl die klassische Kombination aus Struktur und Eleganz in einem reifen Bordeaux schon ihresgleichen sucht. Mittlerweile gibt es ein paar kleinere Winzer vor allem auf der rechten Seite der Gironde (also Blaye und Bourg), die mir gut gefallen. Wer richtig „altes Zeug“ liebt, also einen total kompromisslosen Bordeaux, der seit Jahrzehnten auf dieselbe Art bereitet wird: Bel-Air Marquis d’Aligre, ein Margaux. Kommt bei Parker (glaube ich) nicht mehr vor, in meiner alten Ausgabe schimpft er noch über die Dickköpfigkeit des Winzers.

      Spanien hat meiner Erfahrung nach die schlimmsten Zeiten hinter sich, nämlich jene, als man aus dem Mittelalter (Franco-Diktatur) direkt in die New Economy geschossen ist – okay, ein paar Jahre hat es gebraucht. Mir hat letztens der Pétalos aus Bierzo sehr gut gefallen, ein Roter im klassischen Médoc-Stil, aus 100% Mencía. Bei Wein & Vinos (www.vinos.de) gibt es auch eine wahnsinnig große Auswahl, wobei ich da nach den Beschreibungen und weniger nach den Punkten gehe. Und last but not least gibt es ja noch Torstens Priorat-Guide und -Shop (Link in meiner Blogroll). Neben den modischen Start-up’s für den Weltmarkt gibt es da sicher noch ein paar echte Perlen.

      Trotzdem ist es natürlich dasselbe Problem wie in vielen anderen Ländern: Kleine, unabhängige und dennoch flaschenabfüllende Winzer haben weder in Spanien noch in Italien noch im östlichen Mittelmeer eine große Tradition. Die Latifundien-Wirtschaft halt, aber ich glaube, das führt jetzt zu weit 😉

      Jedenfalls habe ich mittlerweile einen wirklich interessanten türkischen Weißwein getrunken. Leider nicht von einem alteingesessenen Winzer, sondern von einem Architekten, der sich seinen Lebenstraum verwirklichen wollte, aber immerhin…

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