Türkischer Wein: Pamukkale Anfora Kalecik Karası 2007

Hand aufs Herz: Wie viele von Euch haben schon einmal bewusst einen Wein getrunken, der zu 100% aus der Traube „Kalecik Karası“ gekeltert wurde? Bei jener handelt es sich um eine zentralanatolische Rebsorte, benannt nach der Stadt Kalecik in der Nähe von Ankara. Die interessanteste Beschreibung fand ich im französischen Wikipedia, wonach Weine aus dieser Traube von der Aromatik her einem Teroldego Rotaliano oder einem Gamay des Stils Morgon oder Moulin-à-Vent ähneln sollen. Mit anderen Worten: nicht allzu dunkel, rote Beeren, Kakao, eine gewisse Frische und sehr milde Tannine. Naja, schaun mer mal…

Gut, zuerst muss ich zugeben, dass ich am ersten Tag in Istanbul noch nicht eins der beiden Fachgeschäfte vor Ort stürmen wollte (obwohl es mittlerweile sicher auch ein paar mehr gibt). Dieser Wein stammt also ganz schnöde aus dem Supermarktregal, und zwar von der Migros, den Schweizern unter uns als hyperdominant bekannt. Die türkische Tochter ist allerdings schon seit ein paar Jahrzehnten selbstständig und als solche die größte Supermarktkette der Türkei. Wer sich erst einmal an die türkische Weinwelt herantasten möchte und über keinen Fachhändler in der Nähe verfügt, für den bietet eine Migros-Filiale ab zwei M schon ausreichend Material.

Dieser Wein hat mich 16,90 TL gekostet, umgerechnet also exakt 7,77 €. Ob man sich für eine solche Schnapszahl nicht lieber einen anständigen Rakı kaufen sollte, möchte ich mal dahingestellt lassen. Der Produzent dieses Weines ist die Kellerei Pamukkale, die sich laut deutschsprachiger Website in der Alfred-Nobel-Straße zu Frechen im Rheinland befindet. Wie bitte? Sollte etwa hier abgefüllt werden? Eher weniger, es dürfte sich um die Vertriebs-Niederlassung handeln. Denn Pamukkale ist groß, sehr groß sogar. Vier Millionen Liter Wein werden jährlich produziert, und der Leitsatz der Kellerei lautet „Das größte Ziel der Pamukkale-Winzerei ist es, mit modernster Technologie, bester Qualität und zum günstigsten Preis den besten Wein dem Weinliebhaber anzubieten.“ Hm. Den Wein hatte ich übrigens einerseits wegen der interessanten Rebsorte gewählt, andererseits aber auch, weil die anderen Rotweine in der Migros aus den Jahrgängen 2009 und 2010 stammten, was mir persönlich doch etwas zu jung erschien.

Im Glas zeigt sich die vermutete mittelrote Farbe, erstaunlicherweise bereits von bräunlichen Tönen begleitet. Die Nase erscheint zunächst ziemlich alkoholisch. Mich hatte auch erstaunt, dass auf der Website von einem Wein mit 11,5 vol% gesprochen wird, dieser aber laut Etikett 13,5 vol% besitzen soll. Jedenfalls lässt sich hinter dem Alkohol noch eine der Farbe entsprechende braunfruchtige Note entdecken, also in Richtung Unterholz, Brombeerbusch, ziemlich nah an feuchter Erde. Am Gaumen fällt sofort die relativ hohe Viskosität auf. Dies ist kein Leichtwein, und der Idealtyp Morgon scheint da doch ziemlich weit entfernt zu sein. Die Frucht wirkt marmeladig-überkocht, die Säure gering, die Tannine allerdings auch. Ich schmecke eher Noten wie Zimtstange, ein bisschen sehr stark zerdrückte Brombeere und später auch bitter-dumpfe Töne im Rachen. Dies ist kein Wein für Connaisseure, soviel steht fest. Ich vermute einfach mal die Dreieinigkeit müder Südweine als Grund: fehlende Weinbergspflege, zu späte Ernte, viel Getrimme im Keller. Natürlich habe ich von einem Supermarkt-Wein dieser Preisklasse (und die Steuer ist hoch in der Türkei) nicht viel erwartet. Aber die Erwartungen wurden in diesem Fall problemlos untertroffen.

Meine Punkte: Eleganz 3, Charakter 4, macht 9,5 MP insgesamt. Die Skala geht übrigens bis 20, nicht bis 10. Und die Moral von der Geschicht‘? Ich gehe morgen doch besser mal zum Fachhändler. Von diesem Wein werde ich jedenfalls weder auf die Qualität türkischer Weine im Allgemeinen noch auf das Potenzial der Rebsorte im Besonderen schließen. Aber so ist sie halt manchmal, die Chronistenpflicht…


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