Endlich ein gutes Champagner-Buch

Mal ehrlich: Seid Ihr auch genervt von den allgegenwärtigen Industrie-Champagner-Marken im „Luxussegment“, wisst aber nicht, welche echten Alternativen es gibt? Geht mir ganz ähnlich. Und fast zufällig habe ich im FNAC (pardon, es heißt „die FNAC“, sehr interessante Firmen-Story übrigens, lest mal rein) ein wirklich tolles neues Buch gefunden. Es heißt „Guide Euvrard-Garnier Champagne 2011“. Auf 700 Seiten werden hier derartig viele Champagner beschrieben und gestestet, dass man mit den Ohren schlackert.

Die Idee kam von einem Kleinverleger, der aber in der Champagne lebt und den artisanalen Champagner über alles liebt. Bloß leider kann er nicht fachlich angemessen darüber schreiben. Wie gut, dass es einen hochdekorierten Sommelier mit Drei-Sterne-Erfahrung gibt, der – total überraschend für den Verleger – nur ein paar Straßen entfernt wohnt (sie hatten zuerst hin- und hergemailt). In diesem Jahr ist dieser neue Champagner-Führer das erste Mal erschienen, und er gefällt mir gut.

Bevor alle aufschreien, hier gleich mal die wenigen Moserpunkte: Natürlich sind nicht alle namhaften Winzer vertreten. Larmandier-Bernier ist dabei für mich der bedauerlichste Ausfall, denn dessen Champagner schätze ich ansonsten sehr. Auch wird pro Hersteller nur eine gewisse Anzahl an unterschiedlichen Cuvées vorgestellt. Dass man hier jeden Champagner findet, den es gibt, ist also illusorisch. Jetzt aber zum Positiven, denn davon gibt es auch reichlich: Zunächst einmal ist das die pure Anzahl an Herstellern, an Adressen, Websites, Besuchszeiten, also all das, was unter die Rubrik „Service“ gehört.

Die Beschreibungen gefallen mir ebenfalls. Die Flasche ist immer abgebildet, so dass Menschen mit einem eher optischen Gedächtnis wie Euer werter Blogger auch mal ohne Namen in ein Geschäft laufen können und den empfohlenen Wein am Etikett erkennen. Dann gibt es natürlich die obligatorischen Beschreibungen von Farbe, Nase und Geschmack, alles ganz klassisch. Der Preis wird ebenfalls genannt, wobei sehr angenehm auffällt, dass die beiden Autoren den Winzerchampagnern unter 20 € einen großen Stellenwert einräumen. Hier beginnen die Preise bei 12 €, und unter der 20-Euro-Marke liegen etliche empfohlene Produkte. Des Ausgleichs halber sei erwähnt, dass der teuerste Champagner mit 340 € gelistet wird; es gibt also auch Stoff für die Freunde des großen Geldes.

Was mich am meisten gefreut hat: Die beiden Autoren haben die Champagner geschmacklich wirklich auseinander genommen. Es gibt immer Angaben zur Dosage, es gibt vier klar definierte Erscheinungstypen, es gibt Qualitäten von Null bis drei „Sternen“, und es gibt auch eine Skala von Süße bis Säure, die die beiden nach der jeweiligen Blindverkostung ausgefüllt haben. Alles in allem nicht nur Know-how, sondern jede Menge Mut zur Innovation. Ich kann dieses Buch wirklich jedem empfehlen, der beruflich oder privat mit Champagner zu tun hat. Hier gibt es keine Schnöseleien, sondern handfeste Infos von Leuten, die sich nicht scheuen, den ach so edlen Schampus zu Sauerkraut oder Rührei zu reichen. Auf dem Bild links übrigens einer der Sieger, die Cuvée „Le Sablon“ von A. Robert für 27 €.

Was die Sprache angeht (natürlich Französisch), das ist bei diesen Skalen, Zahlenangaben und der Verwendung von Leo wahrhaftig kein Problem. Der Preis für dieses Buch? Im Internet-Shop von Fnac kostet es 28,41 € (wohl immer noch mit französischen Francs kalkuliert), bei Amazon einen Cent weniger. Bei beiden habe ich nur gute Erfahrungen mit den Lieferungen nach Deutschland gemacht, alles also kein Problem.

Mal ganz neugierig: Habt Ihr auch so einen Buch-Tick? Was sind Eure liebsten Weinbücher? Die will ich nämlich demnächst an dieser Stelle auch mal vorstellen.

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5 Antworten zu Endlich ein gutes Champagner-Buch

  1. jens schreibt:

    Hallo Matze!

    In das soeben beschriebene Buch habe ich um die Jahreswende in meinem bevorzugten Buchladen in Epernay „mal so reingeschaut“. Es war, zugegben, ein nur flüchtiger Blick, der bei mir jedoch keinen Kaufreflex ausgelöst hat.

    Vielleicht habe ich auch einfach schon zuviel Literatur zum Thema!?

    Für die Champagne kann ich empfehlen:

    – Christian Göldenboog – Champagner – Klett Cotta
    – Rolf Bichsel – Champagner – Sigloch Edition
    – Tom Stevenson – Sekt & Champagner – Könemann

    Alle drei Bücher haben schon ein paar Jahre auf dem Buckel sind aber ausgesprochen hilfreich, wenn man sich mit der Thematik ausgreifender beschäftigen will und nicht nur auf der Suche nach VKN’s ist. Gehört für mich zum Standart für / über die Champagne.

    Des weiteren kaufe ich jedes Jahr den Guide Hachette und den Gault Millau für französische Weine – beide erscheinen leider nur noch in französisch. In beiden sind sowohl „kleine Winzer“ als auch „große Häuser“ gelistet.

    Die diversen Publikationen von Gerhard Eichelmann in deutscher Sprache zum Thema Champagner (siehe Amazon) sind auch zu empfehlen, wobei ich jedoch sein Vokabular in den VKN für sehr beschränkt halte und mich immer wiederkehrende, gleiche Beschreibungs (wort-) ketten bei unterschiedlichen Champagnern nerven. Man kann den Eindruck gewinnen, wenn man ihn studiert, alle Champagner schmecken oder riechen nur nach gelben und weißen Früchten, sind rauchig und „herrlich eindringlich und füllig“. Sorry Herr Eichelmann – aber das ist mir etwas zu wenig.

    Richard Juhlin – Champagner Guide – List

    Ist das neuste Werk des „Champagnerverkostungsgottes“. Er benotet stringent und hat eine Vorliebe für alte Jahrgangschampagner die mir persönlich tendenziell zu hoch bewertet werden. Das muss man wissen, wenn man das Buch liest. Wenn man es denn weiß, ist das Buch jedoch unverzichtbar, sollte man sich auf eine Reise in die Champagne begeben um direkt vor Ort einzukaufen.

    Grüße Jens

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Jens,

      sorry, dass ich erst jetzt zum Antworten komme. Deine Bibliothek in Sachen Champagner scheint ja gut ausgestattet zu sein; das lässt auf einen ebensolchen Keller schließen 😉 Ehrlich gesagt, Eichelmann und VKN geht leider gar nicht, werde ich noch etwas dazu schreiben, aber seine Absichten sind in jedem Fall unterstützenswert. Was mich an dem neuen Führer beeindruckt hat, war die klare sensorische Linie, und das hatte ich mir auch erhofft. Keine ellenlangen Beschreibungen in blumiger Sprache, aber auch nicht nur Punkte und das war’s. Und noch was: Schnöseltum jedwelcher Art ist mir ein Graus, und das ist leider Gottes in den meisten Publikationen zu Champagner, gereiften Bordeaux oder großen Burgundern unverlangt mit drin. Klar, ich habe auch schon mit Gewinn (= Schmunzeln) AuWis Beschreibungen von Verkostungen bei Mister Rodenstock gelesen, aber das ist nicht meine Welt, und sie wird es auch nie sein.
      Übrigens, auf den ersten Blick wollte ich das Buch auch erst nicht kaufen… Aber ich habe mich von meinem zweiten Blick überzeugen lassen. Für mich in Frankreich absolut unverzichtbar sind der Guide Vert der RVF und der Bettane-Desseauve. Der Guide Hachette ist nett als Einkaufsführer, wenn man unterwegs ist, aber bei den Beurteilungen verderben da für mich viele Köche den Brei. Der Gault Millau war vor zwei oder drei Jahren wirklich gut, als Pierre Guigui ihn richtig übernommen hat (die Ausgaben davor waren grauenhaft), aber schon beim vorletzten Mal ist mir da die allzu nachlässige (oder nicht vorhandene?) Redaktion unangenehm aufgefallen. Sprich: der Grüne und der B&D, das sind meine Referenzen.

      Viele Grüße, Matze

  2. jens schreibt:

    Hallo Matze!

    Meines Wissens nach erhebt der Bettane-Desseauve „Gebühren“ wenn man im Guide gelistet werden will. Nach Aussage eines französischen Winzers soll das bei allen französsichen Weinführen (und davon gibt es ja viele) usus sein – bis auf den Guide Hachette. Deshalb ist er auch nur dort gelistet und nirgends anders. Ob die Aussage so stimmt habe ich aus Ermangelung von Möglichkeiten noch nicht überprüft.

    Da ich in der Regel alles kaufe (Publikationen sind gemeint) was irgendwie mit Champagner zu tun hat, werde ich wahrscheinlich auch das von Dir vorgestellte Buch erwerben….;-)))

    Grüße Jens

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Jens,

      das mit den „Gebühren“ würde mich nicht wundern (kannst ja mal in D rumfragen, wie das hier so gehandhabt wird ;)). B&D sind mit abgesehen davon in letzter Zeit ein bisschen zu omnipräsent geworden in der französischen Weinwelt. Die Auswahl bei der Zeitschrift „Terre de Vins“ (war ursprünglich ein reines Midi-Blatt) ist jetzt auch exklusiv von ihnen, deshalb kaufe ich sie mir auch nicht mehr – die Verkostungsnotizen hab ich ja eh schon drin im Buch. Im Monde-Magazin sind sie auch, in anderen Beilagen ebenso. Trotzdem halte ich ihre Urteile aus meiner subjektiven Warte meist für zutreffend. Der Hachette hat mir – pardon – zu viel Industrie-Plörre mit drin, die haben nach unten keine echte Grenze. Und sie empfehlen doch immer wieder, die Rotweine noch in diesem oder im nächsten Jahr zu einem Rehrücken oder ähnlichem zu trinken. So wird das nix mit einem Madiran auf seinem Höhepunkt 😉

      Nur nebenbei: Ich hab mir den Hachette natürlich trotzdem gekauft, die Geschichte mit den Publikationen und dem „vielleicht-dann-doch-haben-müssen“ kenne ich allzu gut…

      Viele Grüße, Matze

  3. Champagnerfan schreibt:

    Hi Matze,

    Ich muss mir das von dir empfohlene Buch bei meinem nächsten Trip in die Champagne unbedingt anschauen. Ansonsten kann ich Jens nur zustimmen: Das Buch von Richard Juhlin ist wirklich toll!

    Grüße,

    Champagnerfan

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