Weinprobe: Marcel Deiss Rotenberg 2004

Wie Ihr gleich noch erfahren werdet, habe ich heute etwas zu feiern gehabt. Aus diesem Grund bin ich noch beim Fischhändler meines Vertrauens und beim Käsegeschäft Quatrehomme vorbei gegangen, die hier beide in der Nachbarschaft liegen. Zu Hause angekommen, musste ich feststellen, dass ich nur noch einen einzigen Weißwein in der Wohnung habe. Jawohl, genau jenen Rotenberg aus dem Elsass vom konsequenten Querkopf Jean-Michel Deiss. Ob das gut geht?

Hier stehe ich also mit einer kleinen Platte Fines-de-Claire-Austern und einem Weißwein, von dem ich nicht weiß, wie er schmeckt. Marcel Deiss ist sicher den meisten Weinfreunden ein Begriff als eines der bedeutendsten Weingüter im Elsass. Die 27 Hektar, die Jean-Michel Deiss heute mit einer eingespielten Mannschaft bewirtschaftet, verteilen sich auf nicht weniger als 220 verschiedene Parzellen. Das ist natürlich Wahnsinn. Außerdem sind alle im Elsass zugelassenen Rebsorten vertreten, so dass Jean-Michel weiße und rote, trockene und süße Weine bereitet.

Dabei hat er ein sehr eigenes Konzept für seine Weine aufgestellt – ein Querkopf, ich sagte es ja schon. Es gibt so genannte „Vins de Fruits“, rebsortenreine Weine, die aus allen möglichen Lagen stammen können und das untere Segment der Deiss’schen Weinphilosophie darstellen. Darüber befinden sich die „Vins de Terroirs“. Der Name deutet es schon an, hier geht es um bestimmte Lagen. Diese wiederum werden in Premiers Crus und in Grands Crus unterschieden. Die Grands Crus sind diejenigen, die den „AOC Alsace Grands Crus“ entsprechen. Jean-Michel besitzt dabei Anteile an den Lagen „Mambourg“, „Altenberg de Bergheim“ und „Schoenenbourg“. Die Premiers Crus hingegen, von denen es hier insgesamt neun gibt, sind weinrechtsmäßig nicht existent. Anders als im Burgund gibt es im Elsass zumindest bislang keine herausgehobenen Lagen, die unterhalb der Grands Crus angesiedelt sind. Ebenfalls anders als im Burgund ist der elsässische Grand Cru-Status eine Zeit lang ein bisschen inflationär vergeben worden. Es gibt nicht wenige Leute, die glauben, damit hätte man dem elsässischen Qualitätsweinbau einen Bärendienst erwiesen. Denn ein schmackhafter Vesperwein für weniger als zehn Euro ist wahrhaftig nett, aber alles andere als ein Grand Cru.

Geschenkt, hier geht es um einen  großen Winzer, der weiß, wie er seine Lagen und Weine einzustufen hat. Anders als praktisch jeder andere elsässische Spitzenwinzer (ich kenne jedenfalls so spontan keinen anderen), baut Jean-Michel Deiss in der Regel seine Terroirweine nicht sortenrein aus. Im Rotenberg sind zum Beispiel Riesling und Pinot Gris enthalten. Da er noch eine Kategorie „Vin de Temps“ eingeführt hat, in der er süße Spätlesen und edelsüße Weine vereint, bin ich dummerweise davon ausgegangen, dass seine Terroirweine größtenteils trocken ausgebaut sind.

Weit gefehlt. Die Farbe zeigt zunächst ein mittleres Gelb mit anfangs leicht rosa Reflexen nach dem Einschenken. In der Nase ist der Wein sofort enorm mineralisch und wirkt trocken mit leichtem Firn. Am Gaumen bahnt sich jedoch das Dilemma an. Okay, es ist kein Dilemma an sich, aber wie gesagt, die Austern wollten begleitet werden. Und Gaumen stimmt auch nicht ganz, denn die deutliche Restsüße kitzelt bereits an der Zungenspitze. Eine leichte Perlage kommt zu Anfang dazu, aber nach dem Dekantieren ist damit schnell Schluss. Nach dem Süßeanklang mit Honignoten und Frühlingsblumen folgt dann im langen Abgang wieder die Mineralität, die schon in der Nase spürbar war. Der Riesling kehrt also zurück, allerdings nicht spröde, sondern erstaunlich fruchtig-quittig. Wäre ich Jean-Michel, ich hätte diesen Wein in die „Vins de Fruits“-Kategorie gesteckt, aber gut.

Was zu den Austern noch überhaupt nicht passend erschien, erweist sich bei der Käseplatte dann als geniale Begleitung: Maroilles und Munster, die alten Stinker, sie lieben diesen Wein! Auch gebratene Leber könnte ich mir sehr gut dazu vorstellen. Je mehr man davon trinkt und je mehr er sich öffnet, desto trockener wird übrigens auch die Anmutung. Aber dennoch: Für Leute, die nicht wissen, wie dieser Wein schmeckt, wäre ein dezenter Hinweis vielleicht ganz hilfreich gewesen.

Meine Punkte: Tja, ein bisschen bis ganz schön „hors catégorie“, das Ganze. 5 Punkte für Eleganz, 7 für Charakter, 16,5 MP insgesamt. Aber die Vergleichsweine dürften rar gesät sein. Ah, zum Schluss noch das vielleicht nicht ganz Unbedeutende: 39 € für diesen Wein bei Lavinia. Das ist schon heavy, trotz allem.

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