Warum die Loire-Weine so gut sind

Oh nein, werdet Ihr denken, was kommt denn jetzt? Sinnfreie Lobhudelei über leckere und ach so günstige Weine? Aber nicht doch. Es wird nämlich noch viel schlimmer. Dies ist eine Grundsatzpredigt. Es soll nicht um klimatische oder geologische Voraussetzungen gehen, sondern um menschliche Strukturen. Und darum, wie aus einer Region der billigen Massenproduktion nach und nach echte Perlen emporgewachsen sind. Jedes Jahr tauchen hier neue Winzer quasi aus dem Nichts auf und liefern Weine, weiß wie rot, die direkt in die Weltspitze vorstoßen. Das ist kein Zufall. Aber der Reihe nach.

Um ein bisschen Stringenz in die Sache zu bringen und nicht ins Labern zu verfallen, mache ich das Ganze einfach mit Spiegelstrichen:

  • Die Loire-Weine galten über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte – von gewissen Ausnahmen abgesehen – als Schoppenweine der Bistrots von Paris.
  • Die weinbauliche Revolution der 1960er und 1970er Jahre führte an der Loire zwar nicht zu einem verstärkten Anpflanzen neuer Rebzüchtungen, die üblichen Mechanismen der Massenproduktion begannen jedoch auch hier zu greifen.
  • Kennzeichen dafür waren eine intensive, maschinell und chemisch unterstützte Weinbergsarbeit, die Konzentration auf hohe Erträge und die Nachbearbeitung der entstandenen Moste zwecks Nivellierung auch in kühleren Jahren.
  • Das Image des dünnen, schnell zu konsumierenden und dank kostensparender Produktion auch noch enorm günstigen Loireweins hält sich dadurch bis heute.
  • In den 1990er Jahren drängten jedoch andere Weinbauregionen nicht nur auf den Weltmarkt, sondern auch in die Regale der Supermärkte und in die Keller der Kneipiers.
  • Chancenlos gegen saftig-reife und dennoch günstige Produkte aus Chile, Südafrika oder auch Spanien, ist der einfache Loirewein in eine schreckliche Krise geraten.
  • In dieser befindet er sich übrigens immer noch, jedenfalls was die entsprechend produzierten billigen Tropfen anbelangt. Stichworte sind hier „Rosé d’Anjou“ oder „Gros Plant du Pays Nantais“. Aber auch solche Appellationen wie „Touraine“ oder „Muscadet“ besitzen nicht den allerbesten Ruf.

Wie ist es also unter diesen Voraussetzungen zu den großartigen Weinen gekommen, wie sie viele Kenner lieben? Ein paar kluge Winzer hatten schon vorher gesehen, dass es mit dem Beharren auf „einfach, billig und industriell“ so nicht weitergehen konnte. Nicht wenige davon hatten übrigens einschneidende persönliche Erlebnisse, denn in fast jedem Dorf kann man sich von Vergiftungen beim Hantieren mit agrarchemischen Produkten erzählen lassen. Die Speerspitzen dieser neuen, umweltbewussten Bewegung waren aber nicht die Kleinstwinzer oder Genossenschaftler, sondern ausgerechnet die Erzeuger, die ohnehin einen Ruf über die regionalen Grenzen hinaus genossen.
Ich spreche hier von Leuten wie Nicolas Joly (Coulée de Serrant), den Brüdern Foucault (Clos Rougeard) oder Noël Pinguet (Domaine Huet). Ebenso wichtig für die weitere Entwicklung waren z.B. Guy Bossard (Domaine de l’Ecu) oder Mark Angeli (Ferme de la Sansonnière).

Die Krise des Weinbaus hatte allerdings auch positive Auswirkungen: Land war relativ günstig zu pachten, oft kleine Parzellen mit altem Rebbestand (und das bedeutet hier älter als 50 Jahre). Durch die Nähe zu Paris besaß die Loireregion an sich für viele junge Städter einen guten Ruf: ein romantisch-ländlicher Ort, mitten drin vielleicht das Haus der Großeltern.

Jetzt kam es zu einer einmaligen Verschneidung: Einige junge, teils avantgardistisch gesinnte Städter wollten wirklich raus aufs Land und wieder mit den eigenen Händen arbeiten, etwas erschaffen. Da es sich um echte Quereinsteiger handelte, besaßen sie auch eine Vision, die nicht vom Weiterführen elterlicher Traditionen beschnitten war. Die günstigen Pachtpreise taten das Ihre dazu, dem Vorhaben, einen möglichst naturnahen Wein zu erzeugen, einen Schritt näher zu kommen.
Entscheidend war jedoch, dass die mittlerweile anerkannten Bio- und Biodynamikwinzer sich nicht trotzig einschlossen, sondern bereit waren, ihr Wissen, ihre Erfahrung und auch ihre Kontakte weiterzugeben. Eine ganze Reihe von Jungwinzern ging also bei den bekannten Protagonisten in die Lehre oder arbeitete auch nur tageweise mit, um „learning by doing“ zu betreiben.

Ein weiteres, ganz wichtiges Element kam dazu: Die Weinzeitschriften und Weinführer in Frankreich wie der Guide Vert der RVF oder der Bettane & Desseauve ermunterten die Jungwinzer ausdrücklich. Es wurden Artikel verfasst über den Aufbruch an der Loire, und etliche der jungen Leute sahen sich nach ein paar Jahren harter Arbeit als Neueinsteiger in die Reihe der besten Winzer des Landes aufgenommen. Da diese Weinführer in der französischen Öffentlichkeit enorm stark rezipiert werden, wurden zunächst unabhängige Weinhändler darauf aufmerksam und später eine immer größer werdende Anzahl an Weinliebhabern.

Die Herstellungskosten für einen risikoreich bereiteten Wein sind hoch (zertifiziert Bio oder Biodynamik im Weinberg, Spontangärung, keine Schönung, keine Filtration, keine Entsäuerung oder Chaptalisierung oder sonstiges im Keller). Durch die positive Imagekampagne von Journalisten und Weinhändlern war es jedoch möglich, dass die jungen Winzer bei ihrer Linie bleiben konnten und die Weine trotzdem loswurden.

Heutzutage sind die Jungwinzer der ersten Stunde fast schon arriviert. Der Zustrom an Einsteigern ist seitdem jedoch nie wieder versiegt. Die ganz Neuen gebärden sich wilder denn je: Weine komplett ohne Schwefelzusatz, trüb, mit natürlicher Kohlensäure, in Amphoren oder Betoneiern ausgebaut, Weinbergsarbeit nur noch mit der Hand oder höchstens mit dem Pferd. Alles scheint möglich. Auch diesen jungen Wilden wird eine Plattform geboten, und wieder sind es Journalisten, Weinhändler und Barbesitzer, die sie unterstützen. Natürlich nicht mehr Bettane & Desseauve oder Olivier Poussier, aber solche Leute wie Sylvie Augereau, Michel Tuz oder Blogger wie Monsieur Septime, die ebenfalls Bücher geschrieben haben. Viel spielt sich auch im Internet ab in Foren, in Künstlerkreisen oder bei Messen wie der „Dive Bouteille“. Die Weine werden getrunken von jungen Städtern in Paris, in Lyon, in Marseille. Die meisten Winzer sind noch mitten unterwegs auf einem langen Weg, ihre Weine teils unvollkommen, teils fehlerhaft, aber die besten von ihnen werden immer besser. Die mittlerweile arrivierten Biodynamiker lächeln ein bisschen über dieses trübe, schwefelfreie Zeug, aber sie lächeln wohlwollend.

Durch das Vorhandensein dieser neuen Avantgarde wird die „alte“ gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Einen Wein von Huet oder vom Clos Rougeard gut zu finden, hat wahrhaftig nichts Revolutionäres mehr an sich. Und während die Biobewegung, die nicht nur aus Labelgründen, sondern aus Überzeugung agiert, wirtschaftlich prosperiert (vom kleinen Wein für 4 € bis zum Coulée de Serrant für 60 €), geht es dem konventionellen Weinbau an der Loire schlechter denn je. Mit teuren Werbekampagnen – in allen französischen Frauenzeitschriften – versucht man, sich ein neues Terrain zu erobern. Alter Wein in alten Schläuchen, nur mit einem rosa Schleifchen verziert. Deshalb müsste der Artikel eigentlich heißen: „Warum die eine Loire vorn dran ist und die andere hinterherhinkt.“

Noch nie hat es an der Loire so viele gute und charakterstarke Weine gegeben wie im Moment. Und dadurch, dass die guten Weine vom prestigegeprägten Weltmarkt wenig wahrgenommen werden, gibt es derzeit auch wenig Raum für weinfremde Investoren oder Spekulationsgeier wie im Bordeaux-Gebiet.

Um es noch einmal zusammen zu fassen: Diese ganze positive Entwicklung an der Loire für Winzer, Verbraucher und die Natur ist nur möglich geworden, weil es a) mutige Winzer gab, b) Journalisten und Händler, die sie gepusht haben und c) aufgeschlossene Kunden. Ich würde nie behaupten, dass an der Loire alles Gold ist, aber es trägt ein paar Züge in sich, die ich mir für den deutschen Weinbau auch wünschen würde.

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16 Antworten zu Warum die Loire-Weine so gut sind

  1. Christoph schreibt:

    Wieder einer dieser feinen Artikel. Danke. Ich werde bei mir dieser Tage noch ein Weingut aus der Region hinzunehmen: Clau de Nell. Die verkörpern das, was Du schreibst. Biodynamie von Beginn an, dann leider verschuldet aber von Anne-Claude Leflaive gerettet. Auch diese Weine zeigen, was in der Region steckt. Wie Du sagst: Charakterstarke, höchst individuelle Weine mit teils sensationellem Preis-Genuss-Verhältnis.

    • chezmatze schreibt:

      Uff, Christoph, da hast Du mich ja auf dem falschen Fuß erwischt. Clau de Nell kannte ich noch überhaupt nicht! Da die Homepage auch eher schlicht gehalten ist, habe ich nur bei Max Gerstl etwas gefunden. Und das hört sich wirklich sehr spannend an. Okay, der Name „Leflaive“ zieht natürlich, aber so soll es ja auch sein, Solidarität halt. Was haben wir denn von Clau de Nell bei Dir zu erwarten? Nur Rote?

      Viele Grüße, Matze

      • Christoph schreibt:

        Ja, nur rote. Die machen Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Grolleau, eine authochtone Rebsorte der Loire. Cabernet Franc 2003 und 2004 sowie Grolleau 2005 habe ich bekommen und die neuen werde ich wohl auch bald erhalten. Die „alten“ Weine sind sehr besonders, wunderschön. Leise Verfechter einer großen Tiefe und Harmonie.

      • chezmatze schreibt:

        Oh, dann werde ich wohl bald mal bei Dir bestellen müssen…

  2. jens schreibt:

    Ich halte die Loire für das unterbewerteste Weinanbaugebiet Frankreich! Die Loire ist eine herrliche Genussregion mit gutem Essen, sehr guten und dazu individuellen, nicht austauschbaren Weinen und nebenbei noch schönen Schlössern und einer tollen Landschaft. Viele Reisen und sei es nur auf der Durchreise, haben mich an die Loire und in ihre Keller geführt. Ich halte das Preis – Genuss- Verhältnis der Loire Weine für unschlagbar. Wir reden hier über extrem süffige Muscadet oder Weine aus Cheverney oder rund um Orleans z.B. die unter fünf Euro ab Hof kosten und natürlich Weine der absoluten Spitzenklasse wie z.B Huet oder Baudry die selten mehr als 15 Euro kosten und vieles an anerkannten „Spitzenweinen“ aus jeder beliebiegen Prestieganbauregion aus Frankreich, oder auch sonstwo, alt ausehen lassen können.

    Ich freue mich weitere Loirefreunde gefunden zu haben und hoffe auf einen regen Austausch.

    Grüße Jens

    • chezmatze schreibt:

      Ich nehme an, Du hast schon auf die Website von Christoph (originalverkorkt) geklickt. Der macht nämlich auch grad einen sehr spannenden Weinshop auf (nebst Blog), und bis vor wenigen Tagen kannte ich ihn auch nicht.

  3. thvins schreibt:

    Hallo Matze,

    schön zu sehen, wie ich dir auch hier wieder zunicken muss. Ich habe so peu a peu die Region für mich vor einigen Jahren entdeckt und die Begeisterung hält bis heute an. Nirgendwo in Frankreich gibt es so viele verschiedene Stile und Richtungen wie an der Loire und die Weine haben meist ein sonst selten in Frankreich zu findendes Preis-Genuss-Verhältnis. Ich habe seit Jahren auf TAW Tipps dazu gegeben und werde es jetzt auch in unserem neuen Weinforum weiterhin tun, aber erst nach einiger Zeit kamen die Fans aus der Deckung – und es werden stetig mehr…

    Beste Grüße

    Torsten

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Torsten,

      ich war vorher schon ein Freund der Loire-Weine, aber ich muss zugeben, dass mein kleiner Arbeitsaufenthalt letztes Jahr vor Ort mich noch mehr davon eingenommen hat. Die Szene ist sehr dynamisch und trotzdem angenehm entspannt. Jeder Winzer gibt dir Tipps, nachdem Du ihn besucht hast, wo du noch guten Wein finden könntest. Domaine Lambert, Domaine de l’R, Philippe Pichard, nie hatte ich vorher von denen gehört, in keinem Weinführer sind die bislang drin. Aber große Klasse.

      Viele Grüße, Matze

      P.S. Wie Deine Versandkosten für die Prioratweine aussehen, frag ich Dich lieber auf Deinem eigenen Blog 😉

  4. thvins schreibt:

    Hallo Matze, du solltest bereits Post haben…

    Beste Grüße

    Torsten

  5. jens schreibt:

    Natürlich habe ich auf die Seite / den Blog von Christoph geklickt! Hab‘ noch nicht alles durchgearbeitet aber den Onlineshop schon gesichtet. Tolle Auswahl – und Champus von Larmandier Bernier!!!! Bleib da am Ball….

    Grüße Jens

  6. Thomas Günther schreibt:

    Also ich will mich auch als Fan von Weinen von der Loire outen. Der weiße Bereich glänzt mit den Rebsorten Sauvignon Blanc und Chenin Blanc. Da kann man der Reblaus richtig dankbar sein, denn erst nach ihr verbreiteten sie sich an der Loire. Die roten Weine aus Cabernet Franc halte ich für ziemliche Liebhaberstücke. Mit gefällt da wening. Mancher Chinon vielleicht. Oder Rose aus Sancerre.

    Der Touraine ist in dem Artikel etwas schlecht weg gekommen. Ich hab da auch noch nie etwas umwerfendes her verkostet. Aber für ca. 5 Euro bekommt man so manch guten Sauvignon. Generell gibt klasse Sauvignons: Passend zu Fischgerichten oder auch ein Hammer zum Schafskäse. Und dann noch der Chenin Blanc: Der kann mit Essen fast alles (hier mal ein begeisterter Text aus der Vergangenheit: http://weinverkostungen.de/vouvray-kann-scharf-fisch-fleisch/ ). Man sollte auch die süßen Weißweine nicht vergessen. So findet man im Coteaux-du-Layon geniale Weine mit gutem Lagerpotenzial und das zu ziemlich niedrigen Preisen. Beim Vouvray kann das auch sein. Die nächsten Tage erscheint bei mir eine Verkostung eines restsüßen Vouvray des Jahrgangs 1995. War richtig interessanter Stoff.

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Thomas,

      wegen der Roten: Dann probiere mal einen gereiften Clos Rougard oder – wenns etwas moderner sein soll – die neuen Jahrgänge von Thierry Germain, Domaine des Roches Neuves. So sehr ich die anderen Roten von Baudry, Alliet und Amirault auch liebe, ich muss Dir Recht geben, dass schon ein wenig Liebhaberei dazu gehört. Oder zumindest ein deftiges Essen. Und ja, auf den 1995er Vouvray bin ich wirklich gespannt. Welcher Hersteller wird das sein? Oder willst Du das noch geheim halten?

      Viele Grüße, Matze

      • Thomas Günther schreibt:

        Hey Matze,
        bei dir geht es ja richtig rund hier. Manche Tage sogar gleich mehrere Texte. Du hast es zwar schon gefunden, denn es ist die Domaine du Viking. Gerade im süßen Bereich kann ein Vouvray richtig gut lagerfähig sein und interessante Noten vielschichtig präsentieren.

        Viele Grüße
        Thomas

      • chezmatze schreibt:

        Hallo Thomas,

        ich habe vor einiger Zeit einen 1971er Coteaux du Layon getrunken, ähnlich wie ein süßer Vouvray, war großartig! Und mit knapp 24 € in einem Bereich, bei dem man sich schon fragt, wo denn da die Lagerkosten draufgerechnet worden sind… Schließlich habe ich den Wein ja aktuell gekauft. Domaine Leduc-Frouin, falls Dir das irgendwo mal unterkommen sollte. Heute gab’s hier einen Johannisberger Riesling feinherb zum türkischen Bauernsalat. Ich muss zugeben, die Meinungen waren nicht einhellig, aber ich fand die Kombination perfekt!

        Viele Grüße, Matze

  7. Pingback: Weinprobe: die schweren Jungs aus dem Priorat | Chez Matze

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