Weinprobe: „Gammes en May“, ein süffiger Wein vom Atlantik

„Es muss nicht immer Kaviar sein“, so heißt es doch bei unser aller Lieblingsschriftsteller JohMa Simmel, und wo er Recht hat, hat er Recht. Heute ist also ein kleiner Wein dran, dem man nicht 20 Jahre Kellerlagerung, stundenlanges Dekantieren und schlürfendes Einsaugen aus Zalto-Gläsern zumuten muss. Die Domaine St-Nicolas, von der dieser Wein stammt, liegt aber auch weitab traditioneller Spitzenlagen nur drei Kilometer von den Fluten des Atlantiks entfernt.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich diesen Wein das erste Mal nur wegen seines Etiketts gekauft habe. So stellt man sich doch ein Dorffest im sommerlichen Frankreich vor: Akkordeonmusik, fröhliche Menschen, süffiger Wein. Ohnehin bin ich der Meinung, dass die Rebsorte Gamay ganz zu Unrecht als dünner Massenträger, als Produzent nervtötender Beaujolais-Nouveau-Industriebrühe geächtet wird. Wenn die Erträge nämlich begrenzt werden und das Terroir passt, kann aus Gamay ein Wein entstehen, der wirklich interessant ist. Spaß macht er natürlich immer noch, denn wochenlange Maischestandzeit ist des Gamays Sache nicht. Und so kann ich heute schon einen 2009er Rotwein trinken, der mir gefällt.

Zunächst aber ein paar Informationen zum Hersteller: Thierry Michon besitzt das einzig relevante Weingut in dem Anbaugebiet „Fiefs Vendéens“. Allerdings ist das immer noch keine AOC, sondern eine AOVdQS, grx, Appellation d’Origine Vin de Qualité Supérieure, immer diese Abkürzungen. Praktisch direkt hinter den Dünen des Atlantiks befinden sich die ersten Reben auf Schieferboden, nicht weit vom Seebad Les Sables d’Olonne entfernt, das einige von Euch vielleicht aus dem Urlaub kennen. Als wir im Sommer dort waren, hat uns erst mal die wenig schmucke Aufmachung der Verkaufsstelle erstaunt: Es ist einfach eine Wellblechhalle direkt an der Straße.

Thierry Michon war auch gerade nicht da, ein Glück, wenn man manchen Menschen glauben darf, die ihn nicht für den sympathischsten Zeitgenossen halten. Aber ich bin mit solchen Aussagen immer ein bisschen vorsichtig. Die Weine kosten nämlich ab Weingut wesentlich weniger als später dann im Weinhandel, was ein Indiz dafür sein kann, dass Thierry dem Handel keine Mengenrabatte gewährt. Sowas kann schon mal zu Unstimmigkeiten führen; mir als Privatkäufer ist das hingegen wurscht. Dieser Wein kostet ab Hof 6,50 €, ich habe heute bei einem kleinen Viertelshändler 11,30 € dafür gezahlt.

Ich weiß deshalb nicht, ob ich Euch die anderen Weine von Thierry Michon empfehlen soll, wenn Ihr dafür so viel mehr bezahlen müsst als vor Ort. Meine Lieblinge waren im oberen Segment der „Poiré“, ein wirklich ernsthafter Roter aus 100% Négrette (ja, die Traube von Fronton) und der „Haut des Clous“, ein edler Chenin blanc, beide für 18 €. Im Einstiegsbereich gibt es noch einen richtig krassen Weißen (für 5,50 €), der nur für die Dorfbevölkerung gedacht zu sein scheint. Er besteht hauptsächlich aus Groslot Gris, hat dementsprechend einen leichten Rosastich und begleitet gedämpfen Fisch aufs Trefflichste. Der Rosé „Reflets“, der zu 90% aus Pinot Noir besteht, ist auch ein wahrhaft deftiger Vertreter seiner Sorte, am besten aufgehoben bei einem Winzerschmaus mit kalter Wurstplatte. Jetzt aber wieder zurück zum heutigen Wein:

In der Farbe ein dunkles Rot, nicht ganz klar, wie mir scheint, abgeschlossen von einem blassen Rand. In die Nase steigen mir sofort Cassis und Heidelbeere, aber der Wein wirkt nicht überfruchtig. Eine seltsame Note kommt nämlich noch dazu, halb Spontangärung, halb Schiefer, eine Art „beißender Stein“. Am Gaumen besticht zunächst die schöne, trinkanimierende Säure, die allerdings eingebunden ist. Die Materie wirkt erstaunlich reif, fast in Richtung eines Burgunders ohne Tannin. Der seltsam dunkle Stein im Hintergrund bleibt und lässt den Wein nicht ins Beliebige abrutschen. Denn saftig ist er wirklich, vielleicht nicht so frisch wie in kühleren Jahrgängen, aber unheimlich trinkanimierend. Das ist ein Wein, der in der Tat Spaß macht, nichts anderes will, aber trotzdem kein dünner Hering oder lallender Schwaller ist. Kürzlich hatte ich den 2004er Gammes en May getrunken, der sich mit den Jahren sogar noch verfeinern konnte. Demeter-zertifiziert ist er auch, was will man mehr?

Okay, Thierry Michon ist bei Demeter, bei AB (Ecocert), ein „Vigneron Indépendant“, und für Biodyvin zahlt er auch noch. Man kann es mit dem Labeln aber auch übertreiben…

Meine Punkte: 4 für Eleganz, 6 für Charakter, macht 13 MP insgesamt. Das sollte hier aber nicht das entscheidende Kriterium sein, denn er schmeckt heute auf jeden Fall besser als ein frisch gefüllter Hermitage.

Ich habe diesen Wein in Deutschland noch nirgends gesehen. Weine vom Weingut St-Nicolas gibt es aber bei biovinaria in Saarbrücken – und das zu guten Preisen! Was ich auf der Website übrigens noch entdeckt habe: den georgischen Amphorenwein Nika Saperavi 2008 für 24,50 €. Probiert den, ich fand ihn ungeheuer spannend, aber bringt ihn NIEMALS einem Neuwelt-Fan zur Party mit!

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