Weintest 13: Mosel Riesling – 2007 Heymann-Löwenstein Uhlen B

Es gibt wohl kaum einen umstritteneren Winzer in Deutschland als Reinhard Löwenstein. Er teilt schon ordentlich aus, anders lässt sich das gar nicht ausdrücken. In Büchern und Interviews versucht er aber auch zu begründen, warum seine sehr personalisierte Terroir-Philosophie die Zukunft des Weinbaus sein könnte. Bei einer solchen Vorleistung bleibt es natürlich nicht aus, dass die dabei entstandenen Produkte entsprechend kritisch beäugt werden. Wie übrigens bei Nicolas Joly auch, dem anderen Weintheoretiker und Bücherschreiber. Bei den Löwenstein‘schen Jungweinen versteht man meist nur Bahnhof und kann noch nicht mal ahnen, ob da noch etwas Großartiges kommen mag. Ich habe deshalb heute den „Kleinen“ seiner „Großen“, den Uhlen B gut drei Jahre nach der Ernte getestet.

Bevor ich zum Testergebnis komme, muss ich vielleicht erst einmal etwas weiter ausholen, denn es soll ja Menschen geben, die noch keinen Wein von Heymann-Löwenstein getrunken haben. Das „Herzstück“ dieses Weinguts in Winningen an der wirklich untersten Mosel ist der Uhlen, ein Berghang, der sich zwischen den Orten Winningen und Kobern auf der nördlichen Seite der Mosel erstreckt. Nördliche Seite bedeutet andererseits, dass die Reben, die in dieser enorm steilen Terrassenlage wachsen (50-70% steil!) teils direkt nach Süden ausgerichtet sind. Zusammen mit dem durch die Sonne aufgeheizten Schiefer ergibt das einen regelrechten Backofen. Ich bin einmal im Spätsommer oben in den Uhlen reingekraxelt, die Luft stand fast und die trockenen Kräuter verbreiteten den Duft der Garrigue. Klar, hier baut man Syrah an und keinen Riesling! Oder halt doch…

In Burgund ist es ja Usus und wird auch überhaupt nicht angezweifelt, dass man von demselben Hang durchaus unterschiedliche Weine produzieren kann, die sich nicht hinsichtlich ihrer Pflege oder Vinifikation unterscheiden, sondern durch die jeweiligen Geofaktoren geprägt werden. Also anstehendes Gestein plus Bodenbeschaffenheit plus hydrologische Situation, um es mal so auszudrücken. Deshalb wird bei großen Burgundern nicht nur nach der groben Lage, sondern kleinräumiger nach Climats unterschieden. Nach dieser Logik müsste der Uhlen, der ja stattliche 15 ha groß ist, mindestens aus drei „Climats“ bestehen, und genau das hat Reinhard Löwenstein ausgiebig untersucht und letztlich umgesetzt:

Die Blaufüßer Lay (= Uhlen B), die am dichtesten an der Autobahnbrücke liegt, ist dabei die kühlste Lage, geprägt vom anstehenden Blauschiefer. Der Laubach (= Uhlen L) besitzt den höchsten Kalkanteil der drei „Climats“, während die Roth Lay (= Uhlen R) ihre Farbe durch die eisenhaltigen Verbindungen erhält. Komplex bis kompliziert sind die Weine alle, der Uhlen B (angeblich) am fein-mineralischsten, der Uhlen L voller und weicher, und der Uhlen R unnahbar dunkel und rätselhaft. Es handelt sich hier ausschließlich um Rieslinge, und da Reinhard Löwenstein ein Anhänger des lagerfähigen, botrytisgeprägten Weißweins ist, sind auch alle mit einer je nach Jahrgang mehr oder weniger hohen Restsüße ausgestattet.

Genau diese Machart, also goldgelbe, leicht süße, geschmacklich volle, aber in ihrer Jugend definitiv noch unentwickelt wirkende Weine, hat diverse Verkoster entweder total verzückt oder auf die Palme gebracht. Im Eichelmann 2010, viele werden es wissen, gibt es eine regelrechte Schimpftirade auf den werten Herrn L., der es vermag, das angebliche Terroir hinter seinem Edelschimmel allzu trefflich zu verstecken. Und das auch noch als die große und einzig gültige Weisheit in alle Lande posaunt. Im aktuellen Eichelmann 2011 liest sich alles wieder viel smarter, man scheint sich geeinigt zu haben, die Punkte sind stattlich. Nur die Weinbeschreibungen gehen weiterhin in die Richtung „füllig, schöne Frucht, gute Struktur“, was beispielsweise auch auf eine Apfelsine zutreffen würde. Der Gault Millau als Alternative glaubt dagegen, dass eine Zahl einen Wein besser beschreibt als diese altmodischen Buchstaben. Hilft also nichts, muss ich ihn wohl selbst probieren. Im Video habe ich zum Geschmack übrigens wenig gesagt, denn dieser dekantierdurstige Wein sollte sich doch besser nach der Entkorkung noch ein wenig entfalten dürfen, bevor ich versuche ihn zu beschreiben.

Die Farbe ist für mich erstaunlich hell für einen HL-Wein. Nun besitze ich nicht das absolute Farbengedächtnis, aber ich glaube mich erinnern zu können, dass die Uhlen-Weine anderer Jahrgänge teils deutlich dunkler waren. Vielleicht hängt das auch mit der frühen Füllung zusammen, die der Gärverlauf in diesem Jahrgang möglich machte.

Die Nase gefällt mir. Steinig-stinkig, süße Aprikose, viel Mineralik, schön. Am Gaumen präsentiert sich dieser Wein nach kurzen zweieinhalb Flaschenjahren allerdings nicht so gut. Der Zucker ist eindeutig zu stark da, ohne dass die Materie das durch ihre Würze ausgleichen könnte. Dass die Säure bei den HL-Weinen nie knackig ist, weiß man ja, aber in der derzeitigen Phase vermisse ich sie wirklich sehr. Irgendwie wirkt der Wein für seine Qualität ganz merkwürdig flach und fad, und ich bedaure es jetzt schon, dass ich die Flasche aufgemacht habe. Die Schieferterrassen wären vielleicht nach einer derartig kurzen Reifezeit schon okay, aber der Uhlen ist es definitiv nicht. Es wäre allerdings nicht das erste Mal, dass ein HL nach Jahren noch mal richtig Gas gibt und frühere Urteile Lügen straft. Mein Fazit ist natürlich komplett subjektiv, sieht aber momentan so aus: Wer den Uhlen B aus dem Jahr 2007 jetzt aufmacht, begeht einen Fehler, langes Dekantieren hin oder her.

Punkte traut man sich ja fast nicht zu geben – naja, aber eben auch nur fast: 5 für Eleganz, 6 für Charakter, macht derzeit nur 14 MP.

Diese ernüchternde Erkenntnis ändert aber nichts daran, dass ich sowohl das Terroirkonzept als auch das „Herumposaunen“ von Reinhard Löwenstein weiterhin für absolut wichtig halte. Wenn es nämlich keine Winzer mit Meinung und Dickkopf geben würde, hätten wir auch in den großartigsten Lagen bald solche Verhältnisse wie (mit Ausnahmen natürlich) in der Champagne oder dem Bordeaux: Weinfremde Konzerne steuern Markt und Marken und damit auch den Geschmack. Nicht dass ich jeden Tag die restsüßen aromatischen Schwergewichte von Heymann-Löwenstein trinken wollte, aber die Vielfalt macht es nun einmal aus. Sie besitzen genau dieselbe Berechtigung innerhalb des „Kosmos Riesling“ wie die trocken-spritzigen Leichtweine – die nicht-industriellen, versteht sich.

Trotzdem würde es mich interessieren, wie eine Syrah aus dem Uhlen schmecken würde. Das wäre dann wahrscheinlich der größte deutsche Rotwein.

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2 Antworten zu Weintest 13: Mosel Riesling – 2007 Heymann-Löwenstein Uhlen B

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