Wie schlage ich mich im Luxus-Weinhandel? Die Caves Taillevent in Paris

Die besten Erlebnisse hat man ja immer, wenn man gar nicht ahnt, was auf einen zukommt. Die schlechtesten allerdings auch. Ich hatte jedenfalls im Internet gelesen, dass in der Weinhandlung „Taillevent“ in Paris eine kostenlose Degustation weißer Burgunder anstehen würde. Ein gute Gelegenheit, wieder etwas dazu zu lernen, dachte ich mir, denn bei weißen Burgundern bin ich noch ziemlich blank. Etwas stutzig hätte mich allerdings machen müssen, dass das Geschäft in einer noblen Straße in der Nähe des Triumphbogens gelegen ist.

Gerade angekommen, war ich erst einmal über die mageren Ausmaße erstaunt. Das soll eine der wichtigsten Weinhandlungen von ganz Paris sein? Die Fensterfront ist ja kaum drei Meter lang. Naja, wird wohl noch tief ins Haus hineingehen… Aber nix da, die Caves Taillevent bestehen aus einem einzigen Verkaufsraum von etwa 20 m², ein paar Weinflaschen in den Regalen, einem großen Pult in der Mitte und vier Weinberatern, die sich darum herum drappieren. Eigentlich war ich neben der Verkostung hergekommen, um irgendeine seltene Entdeckung zu machen. Ein Wein aus der Appellation Bellet zum Beispiel. Oder ein kleiner Jurawein für den Abend.

Ich schleiche also an den Regalen entlang und sehe ein paar schöne Fläschchen, die allerdings recht mutige Preise haben. Ein roter 2000er Clos de l’Orri aus dem Roussillon wird hier zum Beispiel für 64 € angeboten. Hatte nicht Martin Kössler von K&U den neulich für weniger als 20 € aus seinem Lager gekickt? Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, dass es hier eine Kunschaft gibt, an die er seine Restbestände loswerden kann. An Weine unter 20 € ist bei Taillevent nicht zu denken. Ich schlucke also kurz und beschließe dann, wenigstens an der Degustation teilzunehmen. Der Laden ist relativ leer, ich bin der einzige Tester. Zwei weiße Burgunder werden angeboten, der dritte, der mich am meisten interessiert hätte (ein Pouilly-Fuissé Vergisson von Verget), ist leider schon ausgetrunken.

Der erste Wein ist ein Chablis 2008 vom Weingut Moreau Naudet für 18 € (14,5 Punkte im grünen Weinführer der RVF): frisch, nussig, säuerlich-strikt, aber nicht extrem mineralisch, noch ziemlich hefige Phase, reicht an einen neulich getrunkenen Dauvissat bei weitem nicht ran. Nett, aber den muss ich nicht haben.

Der zweite und letzte Wein ist der 2008er St-Aubin Premier Cru Murgers des Dents von Vincent Girardin für 27 € (15 Punkte im Grünen): auch mit knackigem Säurecharakter; 2008 soll ja guter, klassisch-haltbarer Jahrgang sein; Nase holzig und blütig; Gaumen noch sehr vom Holz geprägt und – wen wundert’s – noch kein vollständiges Vergnügen. Auch kein Kaufwunsch meinerseits.

Zum Glück wird in diesem Moment das große Lesepult frei, denn auf jenem befindet sich der Katalog des Weingeschäfts. Was man als hereinschneiender Kunde sieht, ist ja nur ein Bruchteil dessen, was Taillevent auf Lager hat. Und da diese französischen Weinhandlungen ja immer noch nicht wirklich Internet-affin sind, bleibt einem nur die ganz altmodische Vor-Ort-Blätterei. Aber holla, was sehe ich da? Ein bisschen Name-Dropping gefällig? Clos Rougeard und Didier Dagueneau von der Loire, Raveneau und Leflaive aus dem Burgund, Trévallon aus der Provence, alle Premiers Crus von Bordeaux, Chapoutier und Chave von der Rhône. Die Preise beginnen zweistellig. Knapp. Aber genau diese dauerhafte Verfügbarkeit großer Weine muss natürlich mitgezahlt werden.

Und so langsam beginne ich auch die ganze Geschichte zu begreifen und mich aus meiner Unwohlphase zu befreien: Das hier ist ein ganz traditionelles Konzept einer Weinhandlung, wie wir es mit unserer Regal-Abcheck-Manier fast vergessen haben. Wie bei einem Eisberg thront nur ein kleiner Teil des Universums Taillevent über der Erde. Die Flaschen dienen nur als Teaser oder für ganz gehetzte Käufer. Ansonsten bedient man sich aber der männlichen wie weiblichen Berater, allesamt ausgebildete Sommeliers. Man plaudert ein wenig und fragt nach, ob sie zum Beispiel einen mittelgroßen Bordeaux haben. Oder einen reifen Burgunder. Oder ob der 2008er Ermitage Le Méal von Chapoutier schon zu haben ist. Oder dass man einen Wein zur Rindsroulade sucht. Völlig egal. Als Antwort kann man dann hören, „ja, ist da, ich hole ihn gleich“ oder „wie viel Geld wollten Sie ungefähr ausgeben?“ oder „wie alt darf denn der Wein sein?“ oder „nein, den haben wir nicht, aber kann ich Ihnen etwas Ähnliches empfehlen?“ So beginnt das Gespräch, das mit Tipps, Vorschlägen und vielleicht auch kleinen Proben weitergeht und mit einer formvollendeten Verabschiedung an der Kasse endet.

Wahrscheinlich hatte ich vergessen, dass nur ein schlumpiger Weinhändler seine Schätzchen das ganze Jahr über im warmen und trockenen Laden rumliegen lässt. Und wahrscheinlich hatte ich auch vergessen, dass „Verkäufer“ nicht der mies bezahlte Job für Schulabbrecher ist, sondern klassischerweise ein mit Kenntnis und Leidenschaft betriebenes Geschäft war. Was ich natürlich trotzdem nicht vergessen habe, ist mein Kontostand. Hier kann ich höchstens eine Flasche kaufen, und einer der wahrhaftig überteuerten „Einstiegsweine“ im Laden soll es nicht sein.

Aber was sehe ich da in der Liste? Ein St-Joseph von Jean-Louis Chave, ja genau dem Jean-Louis Chave, dem Meister von der Rhône. Aus dem exzellenten Jahrgang 2007 und mit 40 € gerade noch im Diesseits gelegen. Den nehme ich. Und so gehe ich sehr zufrieden aus dem Laden und kritzele in der Métro noch ein paar Zeilen in meinen Notizblock. Wieder mal viel gelernt. Nein, nicht über weiße Burgunder, wie ich mir das eigentlich erhofft hatte. Aber über die alte Schule des Einzelhandels – und wie es dazu kommen konnte, dass kompetente Beratung so selten ist, ja fast seltsam anmutet in unserer modernen Shopping-Welt.

Caves Taillevent, 199 rue du Faubourg Saint-Honoré, 75008 Paris, MO-SA 10-19:30

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2 Antworten zu Wie schlage ich mich im Luxus-Weinhandel? Die Caves Taillevent in Paris

  1. karim schreibt:

    Sehr informativer und gut geschriebener Artikel, chapeau. Habe mir heute eine Kiste 09er Saint Joseph les granits von Chapoutier reserviert. Hast Du zufällig Erfahrung mit diesem Wein? Kann er mit Chave mithalten?

    Grüße Karim

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Karim

      und danke für Deinen Kommentar! Ich glaube, mit dem Chapoutier 2009 hast Du einen guten Griff getan. Ich kenne den Granits leider selbst nicht, aber wie ich hier gehört habe, soll der 2008er hervorragend gelungen sein, obwohl der Jahrgang an sich eher schlank ausgefallen ist. Oder vielleicht auch gerade deshalb. Ein extrem mineralischer Wein auf jeden Fall, der Name der Parzelle sagt es ja schon irgendwie. Bei einer Kiste kannst Du, wenn sie angekommen ist, sicher schon einmal eine Flasche aufmachen, um die Qualität der Frucht zu testen 😉 Würde mich jedenfalls interessieren.

      Viele Grüße, Matze

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