Weintest Montcalmès 2007 – und ein paar Reflexionen zum Stilstreit zwischen Gauby und Bizeul

Sagt mal, ist es Euch auch schon mal so ergangen, dass Ihr nur schnell irgendwas sagen oder aufschreiben wolltet, ein kurzes, abgestecktes Statement? Und während Ihr gerade dabei seid, jenes von Euch zu geben, schießt Euch plötzlich etwas viel Grundsätzlicheres zum selben Thema durch den Kopf? Passiert mir ständig. Was tun? Kleines Statement abschließen, Rest verschlucken? Oder kleines Statement vernuscheln und dann mit großer Geste zum ungeheuren Kern des Wesens kommen (alle Zuhörer zittern schon)? Hier soll es um einen sehr guten Rotwein aus dem Languedoc gehen. Erst mal.

Das kurze Statement, das ich hier zum Domaine de Montcalmès 2007 abgeben möchte, einem Rotwein aus dem südfranzösischen Languedoc, lautet: Das ist ein wirklich guter Wein, voller Frucht, aber nicht zu schwer. Anfänger werden ihn mögen, weil er nicht zu kratzig oder spröde ist. Weinkenner werden ihn mögen, weil er nicht breit oder überreif daherkommt. Noten von Kirschwasser und Sirup am Gaumen, seidig und ausgewogen, feine Säure, geht runter wie Öl. Hier wurde enorm präzise gearbeitet, und 2007 war ohnehin ein exzellenter Jahrgang im französischen Midi. 7 Punkte für Eleganz, 6 für Charakter, macht 17 MP insgesamt. Ich nehme an, dass der Wein sich bald wieder ein wenig verschließen wird, dann gibt es weniger Trinkfreude, dafür steht er in zehn Jahren ganz oben. Fertig.

Oder eben nicht. Denn als ich mich mit diesem Wein geschmacklich beschäftigte, da fiel mir wieder ein, dass die beiden großen französischen Weinführer, nämlich der „Guide Vert“ und der „Bettane & Desseauve“ nicht müde werden, diesen Wein als den „Burgunder des Südens“ zu bezeichnen. Weshalb Burgunder? Weil er so teuer ist? Naja, diese Flasche hat mich 23 € in der Grande Epicerie gekostet, zum selben Preis gibt es ihn bei Vinisüd in Erlangen. Das ist zwar kein Pappenstiel, aber kilometerweit von einem großen Burgunder ähnlichen Reife- und Vergnügensgrades entfernt.

Ehrlich gesagt schmeckt der Wein auch gar nicht wie ein Burgunder. Er ist nur ausgewogener, nicht so dunkel in der Frucht, nicht so ruppig im Tannin und nicht so dörrpflaumenbreit wie viele mittelprächtige Weine aus dem Languedoc. Am ehesten erinnert er mich – außer an den „Grange des Pères“ von neulich – an einen der „neuen“ Kalifornier mit ihrer ungemein anziehenden Reifenote in den Beeren. Aber auch das ist eher assoziativ als wirklich wahr. Vielleicht sollte man hier und heute einmal damit anfangen, den gezeigten Stil als „typisch“ für einen Languedoc- und Roussillon-Roten zu definieren. Denn dies ist kein Plagiat, sondern ein ausgereiftes Terroir-Produkt.

Und damit – Ihr befürchtet es sicher schon – kam ich auf die Verbindung zu der prinzipiellen Terroir-Diskussion, die seit einiger Zeit ein paar Kilometer südlich im Roussillon geführt wird. Um es mal ganz schrecklich zu vereinfachen: Im Prinzip gibt es dort bei den anspruchsvollen Weinmachern zwei Schulen. Nennen wir eine davon die „Schule Gauby“ nach Gérard Gauby, dem enorm einflussreichen Biodynamik-König aus Calce. Die andere Schule nennen wir genauso einfach die „Schule Bizeul“ nach dem nicht minder einflussreichen Ex-Sommelier, Winzer und Blogger Hervé Bizeul vom „Clos des Fées“. Beide beherrschen die hohe Schule des Weinbaus, und ich würde niemals behaupten, dass sie sich persönlich nicht gut verstehen würden. Als Hervé Bizeul im Jahr 1998 sein Weingut gründete, war Gérard Gauby derjenige, der ihm am meisten half. Stilistisch sind beide jedoch seit fast zehn Jahren auf unterschiedlichen Pfaden unterwegs, was man anhand ihrer beiden großen Roten sehen kann.

Die Namen werden Weinkennern vermutlich nicht gerade unbekannt sein. Es geht um den „Muntada“ von Gauby und die „Petite Sibérie“ bei Bizeul. Die jüngsten Jahrgänge kosten für den Endverbraucher ab Hof 70 € (Muntada) bzw. 200 € (Petite Sibérie). Das ist für große Bordeaux oder Burgunder nichts Besonderes, im Midi allerdings der Hammer, und die Preisgestaltung ist sicher mit ein Grund für den Einfluss dieser Weine.

Gérard Gauby hat seit seinem Umstieg auf biodynamische Methoden zu Anfang dieses Jahrzehnts die stilistischen Anforderungen an seine Weine immer mehr verschoben. Reif sollten sie weiterhin sein, aber das ist hier auch nicht wirklich das Problem, wie mir schon Pierre Parcé von der „Domaine de la Rectorie“ erklärt hat. Gauby geht es aber um Frische, um Mineralität, um das, was südfranzösische Weine bislang nicht auszeichnete: eine schlanke Eleganz. Er ist der Meinung, dass der voluminöse, breite „Parker-Stil“, dem viele Winzer in der ersten Boomphase des französischen Südens Mitte der 1990er Jahre anhingen, der Vergangenheit angehört. Das seien notwendige Eskapaden gewesen, um erstens die neuen Weine überhaupt auf dem Weltmarkt platzieren zu können (denn im heimischen Département kommen solche teuren Klopper selten auf den Tisch), und zweitens im Überschwang der Begeisterung geschehen, dass auch das Midi „große“ Weine machen kann. Viel zu viel von allem. Gauby setzt nicht auf Volumen, sondern auf Ausgewogenheit. Dementsprechend schmecken die neueren Jahrgänge des „Muntada“ fantastisch frisch, ein bisschen spröde und sehr elegant, aber ich würde sie blind eventuell nicht in den Süden einordnen.

Hervé Bizeul hat mit seiner „Petite Sibérie“ von Anfang an auf Provokation setzen wollen. Frei nach dem Motto „ein Wein ist so viel wert wie jemand bereit ist, dafür zu bezahlen“, hat er einfach den Preis bei 200 € festgelegt. Dafür sollte der Kunde dann aber auch sehr viel Gegenwert bekommen. Neben Trauben, die fast an der Grenze zur Überreife geerntet werden, bestimmt auch der Einfluss des luxuriösen Holzausbaus den Geschmack der Cuvée. Natürlich ist das kein platter und müder Breitwein, aber eben einer, der viel von allem besitzt, ganz anders als der „Muntada“. Dementsprechend schmeckt die „Petite Sibérie“ auf Anhieb nach südlichstem Süden, aber wirklich elegant wirkt sie nicht.

Gauby sagt, ein großer Wein sei eine Kunst; die Kunst, die Natur genau zu verstehen und im Einklang mit ihr etwas Ausgewogenes zu erschaffen. Bizeul sagt, die Definition eines „ausgewogenen“ Weins sei das Ergebnis der von Bordeaux und Burgund geprägten Weingeschichte. Der wahre Weingeschmack des Südens heißt „orientalische Üppigkeit“.

Wer hat nun Recht? Einer, beide, keiner? Beide haben gute Gründe, ihren jeweiligen Stil zu verteidigen. Aber ehrlich gesagt handelt es sich nicht um einen handfesten Streit über Recht oder Unrecht. Ich finde es vielmehr ungemein interessant, wie sich Geschmacksdiskussionen entwickeln bei einer Weinregion, die ihren stilistischen Footprint noch nicht vor Generationen aufgedrückt bekommen hatte. Ich habe Weine von beiden Winzern bei mir im Keller und freue mich gerade über ihre Unterschiedlichkeit.

Der Montcalmès hingegen, um den Bogen wieder zu schließen, stellt für mich vielleicht am besten dar, wie ein einheitlicherer Stil aussehen könnte: Ich spüre den Süden, aber er verbrennt mich nicht.

Was meint Ihr dazu? Wie muss für Euch ein „echter“ Rotwein aus dem Languedoc-Roussillon schmecken? Und was ist Euer Favorit, wenn Ihr nur einen einzigen nennen dürftet?

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Meinung, Wein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Weintest Montcalmès 2007 – und ein paar Reflexionen zum Stilstreit zwischen Gauby und Bizeul

  1. jens schreibt:

    Ich muss zugeben das ich mich nicht besonders im Languedoc auskenne. Gauby kenn‘ ich und find ich auch nicht schlecht – aber haut‘ mich auch nicht vom Hocker. Mein persönlicher Languedoc Favorit ist der Infidele von Mas Cal Demoura. Der Wein kommt erkennbar aus dem Süden, ist dabei komplex, nicht überfruchtig, braucht Zeit zur Entwicklung, passt herrlich zu Wild, hat kräuterige und erdige Aromen (Terroir) und einen tollen, „burgundischen“ Trinkfluss. Auch ja! Teuer ist er auch nicht wirklich – ungefähr im Handel in Deutschland 15 Euro. Die meiner Ansicht nach gut investiert sind, wenn man einen Wein mit Persönlichkeit sucht, abseits des Mainstream…

    Grüße Jens

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Jens,

      da stimme ich Dir 100% zu! Ich mag die Weine von Mas Cal Demoura auch sehr gern. Das war ja mal das Gut von Olivier Julliens Vater, und als Vincent Gaumard es übernommen hat, dachten viele zuerst, ob er das Niveau wohl halten kann? Aber gar kein Problem. Ich habe ihn auch schon mal kennen gelernt, das ist ein super lustiger Typ. Den Weißen, L’Etincelle, würde ich übrigens auch nicht verachten. Der besitzt eine groteske Rebzusammensetzung, und je nachdem, welche Traube aromatisch gerade vorn ist, hat man viermal einen anderen Wein.

      Viele Grüße, Matze

      • jens schreibt:

        Hallo Matze!

        Den Weißen kenn ich auch. Der Rebsortenspiegel ist wirklich verblüffend. Er reift außerdem auch sehr gut. Hatte letztens nen‘ 2001er im Glas und der war wunderbar gereift – nicht platt oder ausgelaugt oder etwar firnig.

        Grüße Jens!

        P.S.: Find Deinen Blog echt super. Weiter so.

  2. Pingback: K&U-Hausmesse 2012 – die „anderen“ Weine | Chez Matze

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s