Weintest 12: Jacques Selosse Champagne Grand Cru Brut Initial

Diesen Weintest kann ich auch untertiteln als „die Rache des Champagners“. Es ist nämlich Folgendes passiert: … Ach nein, das erzähle ich ja auch im Video. Also schaut es Euch erst mal an, dann wisst Ihr, warum ich diesen hundsteuren Champagner kaufen „musste“.

Gut, soviel also zum Schnäppchenjäger-Superstar beim untauglichen Versuch, ein Schnäppchen zu jagen. Von einem Selosse-Champagner hatte ich allerdings schon seit langem geträumt, nur war er mir bislang immer zu teuer, da oberhalb meiner persönlichen Flaschenpreis-Schmerzgrenze angesiedelt. Naja, „le fruit du hasard“, ich sagte es ja bereits im Filmchen. Jetzt aber ein bisschen mehr zu Wein und Winzer: Anselme und Corinne Selosse bewirtschaften gemeinsam das Weingut Jacques Selosse im Winzerdorf Avize in der Champagne. Ihr Weingut besitzt insgesamt 7,5 ha Rebland, davon 6,6 ha weiß bestockt (ausschließlich Chardonnay) und 0,9 ha rot bestockt (ausschließlich Pinot Noir). Diese 7,5 ha verteilen sich auf nicht weniger als 47 Parzellen. Eine unglaubliche Arbeit für den Weinbauern, diese teils nur gartenbeetgroßen Parzellen zu bewirtschaften, aber dafür hat Anselme Selosse trotz seiner recht geringen Rebfläche immerhin Anteile an fünf Grand-Cru-Lagen. Vier davon (Avize, Cramant, Oger & Le Mesnil-sur-Oger) liegen an der Côte des Blancs, die deshalb so heißt, weil an ihr fast ausschließlich Chardonnay angebaut wird. Die fünfte, Aÿ, befindet sich im Vallée de la Marne, und aus ihr holt Anselme die Trauben für seinen Grand Cru Rosé.

Das Weingut ist vor allem in Frankreich hoch geschätzt, und die Nachfrage übertrifft das Angebot bei weitem. Das liegt allerdings nicht nur an den hervorragenden und sehr charaktervollen Champagnern, sondern auch daran, dass Anselme ein fast kultisch verehrter Dickschädel ist. Seine Frau Corinne liegt ihm beispielsweise schon seit Jahren in den Ohren mit ihrem Vorschlag, sich nun endlich als biologisch zertifizieren zu lassen. Das sei doch ohnehin das, was Anselme schon immer betreibe, solche Dinge wie Kunstdünger und synthetische Spritzmittel im Weinberg oder fade Reinzuchthefen und allerlei Schönungstricks im Keller gibt es bei ihm nicht. Außerdem, Anselme, der Export… die Champagne-Giftmischer würden sicher bald einen schlechten Ruf im Ausland bekommen, wo doch die gesundheitsbewussten Menschen langsam ins Weintrinker-Alter kämen, Anselme, besinne Dich! Aber Anselme will nicht und gibt statt dessen einem Redakteur der RVF im Novemberheft zur Antwort:

„Ich will mich nicht einsperren lassen! Jeden Tag leben wir nach dem Normbegriff: Entweder ist etwas Null, oder es ist Eins. Das ist mir alles zu vereinfachend. Ich habe schon immer nach dem reaktiven Motto gearbeitet. Muss ich jetzt etwa meinen Wunsch aufgeben, selbstbestimmt zu sein?“ Nein, das muss er natürlich nicht, und es gibt sicher nicht wenige Winzer an der nördlichen Anbaugrenze, die sich schon mal darüber geärgert haben, in einer ganz üblen Witterungsperiode durch die kurzfristige, reaktive Ausbringung eines Mittels ihren Bio-Status gefährdet zu haben. Obwohl, so verbreitet sind ökologisch arbeitende Winzer gerade in der Champagne noch nicht. Es ist – wenn ich mich nicht irre – nach dem Bordelais sogar die Weinbauregion Frankreichs mit dem zweitgeringsten Anteil an bio-zertifizierten Rebflächen. Schaut mal im Shop bei Originalverkorkt nach, da sind praktisch alle guten Bio-Champagner zu haben.

Nun aber zu diesem Wein: Es handelt sich um das „Einstiegsprodukt“ in die Welt des Anselme Selosse. Darüber gibt es beispielsweise noch die Cuvée „Substance“, ein absolut krasser Champagner nach dem Solera-Prinzip, bei dem das älteste Fass, aus dem derzeit Wein träufelt, im Jahr 1986 gefüllt wurde. Mein Champagner heute ist aber weitgehend klassisch zu nennen: drei Grand Cru-Lagen, Avize (hauptsächlich), Cramant und Oger, verschnitten aus drei verschiedenen Jahrgängen, insgesamt neun Partien also. Auch dieser Wein wurde mit eigenen Hefen vergoren und unter Verzicht auf Malolaktik im Barrique auf der Hefe ausgebaut. Wie lange die ganze Geschichte dauert, kann man daran ersehen, dass dieser Wein (soweit ich weiß) eine Cuvée aus den Jahren 2002, 2003 und 2004 ist und das Degorgieren – also das Abschlagen des mit Hefe vollen Flaschenhalses und Auffüllen mit der Dosage – erst am 22. Juli 2010 erfolgte. Konsequenterweise wird auf dem Etikett darauf hingewiesen, dass man den Wein zur Beruhigung lieber noch etwas lagern lassen sollte oder aber dekantieren.

Letzteres habe ich gemacht (nach dem Video, der Original-Plopp gehört ja immer dazu), ehrlich gesagt mit vollem Erfolg. Von der Farbe her sieht man schon, dass dies hier kein magerer, zitroniger Champagner sein kann. Die Nase ist dann auch reif, buttrig, fassig, ein bisschen hefig noch, aber sie öffnet sich zunehmend. An der Zunge ist auch nach geschlagenen zwei Stunden noch die feine, gleichmäßige Perlage gut präsent. Geschmacklich setzt sich das fort, was schon die Farbe vermuten ließ: sehr reif, voll, eher komplex mineralisch als fruchtig, eine kräftige Säure und – weil eben von allem viel da ist – eine verblüffende Ausgewogenheit. Wenn hier die Blasen mal komplett verschwunden ist, wäre dieser Wein ein perfekt „nachgemachter“, richtig guter Meursault. Also kein erfrischend-schaumiges Sommergetränk, sondern ein ernsthafter Champagner für den Winter, wenn man sich’s mal wieder so richtig gut gehen lassen will.

Und damit komme ich zum kleinen Hinkefuß, denn für diesen Einstiegswein von Anselme Selosse habe ich die Kleinigkeit von 69,05 € bezahlt. Zum Glück ist Champagner ein Exportgeschäft, und deshalb gibt es diesen Wein hier auch in Deutschland, zum Beispiel bei Pinot in Nürnberg, bei Wuttke in Saarbrücken, bei der Vinothèque in Berlin oder meinetwegen auch in Wittenbrink’s Hotel auf Sylt, solltet Ihr den Jahreswechsel auf dieser mir persönlich leider noch unbekannten Nordseeinsel verbringen.

Meine Bewertung: Herausragend für Freunde des kräftigen, ausgewogenen Champagners. 8 Punkte für Eleganz, 7 für Charakter, macht ziemlich hohe 18 MP. Dafür war es aber auch wirklich teuer, das gute Stück.

P.S. Schaue gerade nach, wieviel Robert Parker diesem Champagner gegeben hat. 94 Punkte? Guter Mann. In diesem Fall.

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