Chave, Arena, Cognac Audry – paar kleine Tests beim Einkaufsbummel

Uff uff, das Leben ist schon hart hier. Dabei wollte ich doch nur mal im Weinladen „La Dernière Goutte“ vorbeischauen. Okay, eine Flasche fürs Fest hätte ich schon kaufen wollen. Aber morgens um elf einen 30 Jahre alten Spitzencognac probieren zu müssen, ist für jemanden, der eigentlich erst nach dem Eindunkeln Alkohol verträgt, echt schlimm.

Um die Antwort auf eine nicht gestellte Frage gleich mal vorwegzunehmen: Ja, ich habe es überstanden, dem Spucknapf sei Dank. Selbiger – hier in Form einer Milchkanne – heißt auf Französisch übrigens „crachoir“. Musste ich auch erst lernen, aber bei Verkostungen ist das schon ein nützliches Wort. Zwei Sätze vorab vielleicht noch zu diesem Weinladen: Geführt von einem Amerikaner ist dies hier ein Ort, an dem man auch ohne Französischkenntnisse weiterkommt und dabei ganz tolle französische Weine erstehen kann. Auch ein deutsches Weingut ist hier vertreten, und zwar Clemens Busch von der Mosel. Wer die Weine von Clemens Busch kennt, dem sei zur Orientierung gesagt, dass sie von den Elementen Preis, Qualität und Philosophie her optimal in das Sortiment dieser Weinhandlung passen. Soll heißen: hochklassig, individuell und möglichst naturnah.

Zwei Minuten nach mir betrat dementsprechend Yann Chave das „Dernière Goutte“ mit seinen Rotweinen im Gepäck. Yann ist „der andere“ Chave von der nördlichen Rhône, günstiger und weniger hochwertig als Jean-Louis Chave, der ungekrönte König von Hermitage. Aber was heißt in dieser Gegend schon „günstig“ und „minderwertig“… Yann Chave macht auch tolle Weine, den Großteil in der Appellation Crozes-Hermitage. Neben einem Mini-Anteil weißer Reben (Marsanne und Roussanne) baut er hauptsächlich Syrah an. Yann erzählt, dass sie vor zwei Wochen fast 30 Zentimeter Schnee im Weinberg hatten, jetzt wäre aber alles wieder abgetaut. Zu den Weinen:

2008er Crozes-Hermitage Le Rouvre für 23,60 € (im Laden): Ein Rotwein aus 100% Syrah und die hochwertige Version seines „normalen“ Crozes-Hermitage. Der Wein gibt sich – wen wundert’s – sehr jung. Die Nase wirkt zwar fruchtig, wenig kräuterhaft oder steinig, sondern eher „easy“, aber am Gaumen kommt dann die geballte Kargheit durch. Sehr streng, eng von der Aromatik her, leicht säuerlich, ein Rotwein im Zisterziensergewand. Nicht dass Ihr mich missversteht, der Wein ist nicht dünn oder unreif, aber halt so in sich gekehrt, dass ich glaube, da bleibt er auch für immer.

2007er Hermitage für 63 €: Wie war das mit der Strafe, vormittags Weine verkosten zu müssen? Das hier ist ehrlich gesagt keine. Die Nase dieses Steillagen-Weins ist schon wahnsinnig interessant: Trüffel, Leder, blutiges Fleisch, ganz klassisch Syrah aus dieser Gegend hier, aber wesentlich vielschichtiger und offener. Am Gaumen setzt sich der Eindruck fort: sehr reife Materie, schöne Fruchtkomponenten, mineralisch und enorm tief. Das ist ein Wein, den man im Konzert der Großen in diesem Jahrgang nicht vergessen sollte. Okay, Yann meint auch, dass er sich gerade in einer sehr guten Phase befindet, der fruchtigen halt noch, bevor er sich dann wieder verschließen würde. Aber ich habe den Wein aus der frisch geöffneten Flasche undekantiert ins Glas bekommen, nicht gerade die besten Bedingungen also. Wer noch nach einem passenden Wein zu dunklem Fleisch sucht, hier ist er.

Ich hatte ja schon mal erwähnt, dass ich mich für Hochprozentiges rein mental überhaupt nicht erwärmen kann. Ich hatte aber ebenso schon mal erähnt, dass ich von Dogmen erst recht nichts halte, und da fängt man am besten bei sich selbst an. Und der ältere Herr, der da noch im Laden herumstand, hatte so nett gefragt, ob ich nicht auch seinen Cognac probieren möchte. Es handelte sich um Bernard Boisson, Inhaber des Cognac-Hauses Audry. Ich weiß nicht, ob auch Cognac-Kenner unter Euch sind und jetzt peinlich berührt wegklicken müssen. Ich jedenfalls bin ein totaler Laie in der Materie, habe noch nie in meinem Leben ein Glas Cognac getrunken und kannte das Haus Audry natürlich auch nicht.

Wahrscheinlich werde ich die Initiation nicht mit dem schlechtesten Cognac durchgeführt haben, denn der Cognac XO (59 € für die 0,7 l-Flasche) ist schon gar nicht übel. Er hat nichts Brandiges oder Unangenehmes an sich, einen leicht vanilligen Ton in der Mitte und zum Schluss einen Abgang nach Rancio, gebrannten Mandeln, gemahlenen Haselnüssen, sowas in etwa. Monsieur Boisson weist noch darauf hin, dass es sich um eine Assemblage aus sechs bis 18 Jahre lang gelagerten Partien handelt.

Der zweite Cognac heißt „Mémorial“ (39,90 € für die 0,2 l-Flasche) aus 30 Jahre alten Partien und ist in der Nase bereits wesentlich üppiger und offener. Fast habe ich die Befürchtung, er würde wie Brom verdampfen, und am Ende wäre das Glas leer, noch ehe ich einen Schluck hätte nehmen können. Natürlich eine unnötige Furcht, aber es ist schon verblüffend, wie viel „Dampf“ ein solch kleines Tröpfchen abgeben kann. Am Gaumen zeigt sich der „Mémorial“ enorm komplex mit Tabak- und Süßholznoten. Der Abgang hat dann allerdings kein aromatisches Kontrastprogramm zu bieten wie beim XO, sondern ist einfach eine Fortführung des ohnehin schon Preisgegebenen. Mir persönlich hatte der XO ein bisschen besser gefallen, aber wer bin ich, hier ein Urteil abgeben zu wollen? Der Cognac Nr. 1 und Nr. 2 meines Lebens.

Gekauft habe ich dann aber etwas anderes, nämlich zwei Flaschen Weißwein. Von dem ersten haben die allermeisten sicher noch nie etwas gehört, aber er dürfte wahnsinnig spannend sein. Es handelt sich um einen Weißwein aus Savoyen von der Domaine des Ardoisières mit dem Namen „Quartz„. Das Weingut liegt direkt in einem Alpental, 20 Kilometer von Albertville entfernt. Der Weinberg ist 60% steil und besteht fast nur aus Stein, vor allem aus Glimmerschiefer. Glimmerschiefer gibt es in Deutschland in dieser Form nur in einer einzigen Weinbaulage (oder klärt mich auf, falls ich mich irre), und zwar dem Michelbacher Apostelgarten bei Aschaffenburg. Jedenfalls ist das hier ein echter Gebirgswein, zu 100% bestehend aus der Rebsorte Altesse, die wiederum die Kreuzritter seinerzeit aus Zypern mitgebracht hatten. Das Weingut arbeitet biodynamisch, der Wein ist ein Vin de Pays d’Allobrogie und kostet schlappe 39,80 €. Mir klingelt’s nur so in den Ohren vor lauter Einmaligkeiten. Liebe Schweizer, liebe Ski- und Weinfreaks, das ist ein Wein für Euch! Ich werde ihn demnächst für Euch (und ein bisschen auch für mich) testen, dann könnt Ihr die Bestände leerkaufen.

Den allerletzten Wein, von dem hier die Rede sein soll, habe ich bereits geöffnet. Er stammt vom Weingut Antoine Arena aus Korsika – Patrimonio, um genau zu sein. Antoine Arena und seine beiden Söhne machen die besten korsischen Weine, weiß wie rot. Die Umgebung ist aber auch der wahr gewordene mediterrane Traum, nur zwei Kilometer vom Meer entfernt. Ich möchte hier keine geklauten Fotos einstellen, aber schaut Euch mal die Bilder von den Weinbergen auf der Homepage von Antoine Arena an und vergesst einfach diese ganze Schneematschgeschichte draußen.

Ich habe von Antoine Arena einen ganz besonderen Wein genommen, und zwar den Bianco Gentile 2005 für 25 €. Bianco Gentile ist eine alte autochthone Rebsorte, von der ich noch nie einen Wein getrunken hatte. Dieser hier hüllt sich in ein erstaunlich dunkelgelbes Kleid mit leichten Perlen. Natürliche Kohlensäure, nehme ich an, also erst mal Dekantieren. In der Nase ist zuerst der Stinker von der Spontangärung zu spüren. Später kommen nach und nach bittere Quittennoten, viele Kräuter, eine recht breite aber keinesfalls schwere Materie. Am Gaumen weiß ich auch nicht, was ich sagen soll. Das hier ist von einem fruchtig-frischen Riesling so weit entfernt wie nur möglich. Erst kommt ein Anflug von Birnenmost wie bei einem Vin Naturel, die Perlage ist immer noch leicht zu spüren. Dann bricht die korsische Macchia aber mit voller Kraft durch: Anis, Süßholz, Oregano und Thymian, später auch grüne Banane, alles völlig anders als gewohnt, aber von einer ungeheuer spannenden und vielschichtigen Aromatik geprägt. Ein Minuspunkt ist sicher der doch etwas knappe Abgang, aber auch die geringe Säure ist nicht jedermanns Sache.

Ich würde dennoch jedem Nordmenschen unbedingt empfehlen, diesen Wein wenigstens einmal im Leben zu probieren zwecks Erkenntnisgewinn und Weiterbildung. Ein bisschen akademisch vom Ansatz her, ich weiß, aber schaut Euch dazu doch die Fotos von Korsika an – oder fahrt selbst hin. Dann passen Ambiente und Wein auch wieder optimal zusammen.

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