Wieder mal „Vins Naturels“: die Domaine de Rapatel aus Nîmes

Tja, werte Anhänger ethisch und biologisch reiner Weine, Paris ist für Euch im Moment the place to be. Das gilt besonders für meine Wohnumgebung auf der Butte-aux-Cailles. Als ich im Jahr 1993 zum ersten Mal in Paris war (und auch hier wohnte), spielte Manu Chao um die Ecke jeden Abend mit seiner Band „Mano Negra“, von der ich Euch weiter unten den passenden Soundtrack für diesen Artikel verlinkt habe. Heute stehe ich in der Weinhandlung „Cave du Moulin Vieux“ und probiere die Weine des ewigen Indianers Gérard Eyraud. Passt doch alles zusammen.

Das Erscheinungsbild von Winzer und Weinen ist konsequent. Gérard trägt wuschige Haare und ein Lederhalsband, alle Weine sind als Tafelweine deklariert, das Weingut hat keinerlei Zertifizierung durch irgendeinen Verband. Die Weine werden komplett ohne Schönung, Filtrierung oder Schwefelzusatz abgefüllt. Auf meine Frage, wieso er denn jenen Weg eingeschlagen habe, antwortet Gérard, dass er halt überhaupt keine Lust hatte, sich wie in der Schule von irgendwem sagen zu lassen, was er zu tun und zu lassen habe. Da wäre es ihm egal, ob das eine AOC oder ein Bioverband sei. Aha, ein wahrer Rebell.

Nicht dass ich persönlich das alles genauso nachvollziehbar finden würde, denn schließlich meint ja kein Geringerer als Aubert de Villaine, dass er die Domaine de la Romanée-Conti jetzt zertifizieren lasse, weil er schon finde, dass es nicht schlecht ist, wenn ab und zu jemand Unabhängiges nachschaut. Aber gut, die unangepassten Rebellen haben, wenn sie nicht allzu bösartig sind, die Menschheit bislang immer weitergebracht, warum also nicht hier. Jetzt aber zu den Weinen. Preislich bewegen sich alle im Bereich zwischen 12 und 15 €, ich führe das deshalb nicht extra auf.

Einen Weißwein gibt es, GS (= „Grande Signature“) blanc. Jener besteht aus Roussanne, Bourboulenc und Chasan, was Gérard so vor sich hinnuschelt und dabei den Fragesteller herausfordernd anschaut, wohl weil er nicht davon ausgeht, dass jemand aus diesem studentisch-langhaarig-rockigen Publikum etwas damit anfangen kann. Der Wein ist üppig, rund und vom Aroma her leicht nussig, keine Spur von flüchtiger Säure. Nur der ganz leicht belegt-brandige Abgang deutet darauf hin, dass hier tatsächlich kein Schwefel zugesetzt wurde.

Butte-aux-Cailles: mehr Fahrräder als Autos. Und keins davon ist ein Vélib'!

Der zweite Wein verblüfft mich noch mehr. Es handelt sich um einen reinsortigen Carignan von alten Reben, von dem ich Euch weiter vorn das Etikett fotografiert habe. Dieser Wein ist gänzlich nahtlos, ungemein saftig, dunkle Beeren, sehr ausgewogen für sein Alter (Jahrgang 2007) und trotz seiner 15%vol. enorm trinkig und angenehm frisch. Wer die Weine von Mourgues du Grès kennt, dieser Wein ist in etwa auf demselben Niveau. Er stammt auch aus derselben Gegend, denn was ich vergessen hatte zu erwähnen: Die Domaine de Rapatel befindet sich (eigentlich) inmitten der AOC Costières de Nîmes, und zwar nur etwa fünf Kilometer südöstlich der Stadtgrenze.

Wie auch immer, dieser Wein ist gut, keine Frage, aber er schmeckt nicht in Ansätzen wie einer der 15-20 Vins Naturels, die ich bislang in diesem Jahr getrunken habe. Auf meine Frage hin meint Gérard, dass auch er ursprünglich flüchtige Säure in den Weinen hatte, aber die sei besser eingebunden und damit nicht mehr flüchtig. Er führe bei allen Weinen die malolaktische Gärung durch. Okay…

Der dritte Wein, ein reinsortiger Syrah, gefällt mir dann nicht ganz so gut. Er wirkt ein bisschen künstlich wie Himbeer-Traubenzucker mit Glutamat. Der vierte und letzte Wein ist der „Grande Signature rouge“, der zu 50% aus Grenache und zu 50% aus Syrah besteht. Er zeigt die Charakteristika des Jahrgangs (alle Weine stammen von 2007) sehr deutlich: heiß, süß und ein wenig alkoholisch. Aber auch er besitzt nicht die Spur eines Fehltons – oder sagen wir besser ohne Wertung: ungewöhnlichen Tons.

Ihr merkt sicher, dass ich der ganzen Geschichte mit gesteigerter Skepsis gegenüber stehe. Weil ich es nicht besser weiß, gebe ich hier mal zwei Lösungsmöglichkeiten vor:

1. Gérard Eyraud ist ein kompletter Rebell, jemand, der ganz nah an der Natur lebt und sich ansonsten um nichts schert. Er arbeitet im Weinberg (oder vielmehr auf dem Weinfeld) biologisch in dem Sinne, dass er alles werden lässt. Die Erträge sind entsprechend gering, aber es geht ja nicht um Profit. Im Keller besitzt er hingegen eine große Meisterschaft und versteht es wie Didier Barral in Faugères, mit der geringst möglichen Intervention ungemein saubere Weine hinzubekommen. Dass die Weine nicht wirklich groß werden, liegt lediglich an dem ein wenig gewöhnlichen Terroir. Für eine derart große Kunst sind 15 € schon fast zu wenig, aber da er auch kein Freund des Marktgeschreis ist, passt das schon so.

2. Gérard ist ein Schlitzohr. Er besitzt fast 30 ha Reben in einer Gegend, die in den letzten Jahren stark unter dem Preisverfall für einfache Weine leiden musste. Selbst gut gemachte Tropfen aus den Costières de Nîmes lassen sich kaum für mehr als 5 € pro Flasche unters Volk bringen. Da er jedoch immer noch einen rebellischen Charakter besitzt und große Sympathien für die Bio-Bewegung hegt, kam ihm eine Idee: Warum nicht anständig produzierte und schmackhafte Weine an ein junges, urbanes Publikum bringen, das meilenweit entfernt ist vom Weinsnobismus aber dennoch bereit, mehr zu bezahlen, wenn der Geist dahinter stimmt? Nun gibt es Vins-Naturels-Winzer „pur jus“ wie Bruno Duchêne, die sich auf ihrem einen Hektar mit Jäten und Hacken kaputt schuften, aber es muss doch auch anders gehen.

30 ha mit drei Leuten zu bewirtschaften wie auf Rapatel, das funktioniert nicht ohne Maschineneinsatz. Wenn man sich aber komplett rebellisch gibt und weder eine AOC-Prüfung noch ein Bio-Zertifikat haben möchte, kann man eigentlich behaupten, was man will, ohne allzu leicht widerlegt zu werden. Ergo: Wann immer möglich, wurde biologisch im Weinberg gearbeitet, im Keller kommt dann aber natürlich Schwefel dazu, denn wer will schon Essig trinken?

Folglich sind die Weine so schmackhaft, dass die Pariser Bobos mit der Zunge schnalzen. Wenn Gérard auch noch bekräftigt, dass er einer der Ihren ist mit seinen komplett unbehandelten, schwefelfreien Weinen, umso besser. Dass hier ein bisschen herumlaviert wird, ist Teil des Spiels.

Ich weiß, dass es nicht gut ist, wenn unberechtigte Vermutungen die Runde machen. Aber selbst bei Tissot, Frick oder Barral habe ich das Nicht-Interventionistische im Wein schmecken können, bei Gérard Eyraud hingegen nicht. Ich bleibe also ein wenig ungläubiger Thomas.

Allerdings bringt mich diese Situation ins Nachdenken: Wäre ich denn bereit mehr zu bezahlen, wenn es sich um einen zertifiziert biodynamisch-unfiltriert-schwefelfreien Wein desselben Geschmacks handeln würde? Ich glaube schon. Wäre ich aber bereit, einen relativ günstigen zertifiziert biodynamisch-unfiltriert-schwefelfreien Wein zu kaufen, auch wenn er sensorisch fehlerhaft ist? Wohl kaum.

Und so muss ich ganz gegen meine Gewohnheit mit mehr Fragen als Antworten schließen: Kennt Ihr die Weine der Domaine de Rapatel? Falls ja, was haltet Ihr davon? Wie steht Ihr zu „Vins Naturels“ allgemein? Ich weiß, das war schon vor einiger Zeit Thema bei der Weinrallye, aber es beschäftigt mich weiterhin…

Ach ja, der Soundtrack: Hört also „Mala Vida“ von Mano Negra (klick = Youtube-Video).

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