Großzügiger Champagner-Quertest bei Augé

Paris zur Vorweihnachtszeit, das bedeutet im Stadtzentrum die Einkaufshölle im Kubik. Wer allerdings überhaupt nichts kaufen, sondern lieber schnorren möchte, für den verwandelt sich diese Hölle schnell in ein Paradies, jedenfalls bei derart großzügigen Gastgebern wie dem Weinhändler „Caves Augé“ in der Nähe des Bahnhofs St-Lazare. Jeden Samstag im Dezember gibt es hier eine kostenlose Weinprobe der Spitzenklasse. Letztes Wochenende wurden Marken-Champagner von so unbedeutenden Häusern wie Bollinger, Krug oder Moët & Chandons Dom Pérignon an die Laufkundschaft ausgeschenkt, diesmal waren die Champagner-Winzer selbst an der Reihe.

Zum Glück ist Augé ein Haus, das nicht auf Blingbling setzt, sondern auch sonst ganz tolle Weine völlig unprätentiös bereithält. Dementsprechend war die Kundschaft auch diesmal sehr kennerhaft und unkompliziert, dafür weder schnöselig noch schnorrend. Vielleicht kann man das auch ein bisschen auf den Bildern erkennen, die leider unscharf und verwackelt sind, weil es erstens schon fast dunkel war und zweitens schweinekalt. Und da kommen wir zum unerfreulichen Teil dieser Verkostung: den Rahmenbedingungen. Alles fand draußen vor dem Geschäft statt, weil drinnen wirklich überhaupt kein Platz war. Der permanente Schneefall, die Kälte, der Wind und mein damit ebenso eingefrorener Geschmackssinn haben vielleicht dafür gesorgt, dass ich diesen Champagnern nicht so aufmerksam und positiv gegenüberstand wie es vielleicht an einem anderen Tag der Fall gewesen wäre. Hier also ein paar kurze Notizen:

Jacquesson

Eigentlich kein kleiner Winzer, sondern ein angesehenes Familienunternehmen im Besitz der Chiquets. Drei von drei Sternen für den Erzeuger im Guide Vert 2011, mehr geht nicht, 320.000 Flaschen pro Jahr.

Cuvée 734 Brut, 36,50 € (Preise bei Augé, wenn nicht anders vermerkt): eieiei, ganz schlechte Startbedingungen, Flasche frisch geöffnet, heftig ins Glas geschüttet, ich schmecke nicht viel außer Schaum. Ein bisschen Rühren hilft auch nicht wirklich, und bis sich der Schampus beruhigt hat, bin ich festgefroren. Wirkt aromatisch, hm, standardmäßig, aber wie gesagt, die Bedingungen…

2002 Brut, 67 €: So recht glaube ich nicht mehr an den Zufall. Auch hier eine enorm starke Moussage, und diesmal versuche ich wirklich, mich in Geduld zu üben. Hefiger als der 734, cremigere Noten, aber komischerweise kann ich ihm in der Kälte auch nicht allzu viel abgewinnen.

Larmandier-Bernier

Mit dem Terre de Vertus von Pierre und Sophie Larmandier feiere ich seit Jahren Silvester. Sympathische Biodynamiker, absolute Ausnahmen in der Champagne, 130.000 Flaschen pro Jahr.

Terre de Vertus Premier Cru Brut Nature, 39,45 €: eine sehr puristische Angelegenheit, aber das war ja zu erwarten. Schlank und aromatisch noch ziemlich verschlossen. Ein Champagner, der vielleicht besser zu Karfreitag als zu Silvester passt. Nein, übertrieben.

Vieille Vigne de Cramant Grand Cru 2005 Extra-Brut, 54,75 €: wirkt deutlich hefig, Birnennoten und ein appetitlich bitterer Abgang. Trotz des Potenzials kommt mir der Wein noch sehr unfertig vor. Ich würde vorschlagen, den Larmandier-Berniers noch ein paar Jahre Kellerruhe zu gönnen (den Weinen natürlich).

Olivier Horiot

Erst seit ein paar Jahren in der Szene und im Guide Vert noch nicht aufgeführt. Als Riceys-Mann (südlichster Rand des Anbaugebiets) ohnehin ein bisschen weit ab vom Zentrum des Geschehens. Auch ein Biodynamiker, auch sympathisch, mit 6,7 ha der kleinste Betrieb hier, der einzige ohne Homepage.

Sève En Barmont Blanc de Noirs 2008 (Brut Nature, glaube ich, bei Originalverkorkt für 44 €): Die Weine waren in der Liste von Augé noch nicht aufgeführt, und ich habe vergessen, die Preise im Laden abzuschreiben. Dafür gibt es Olivier Horiots Champagner bei „Originalverkorkt“, einem Internetversand mit einem wirklich beeindruckenden Angebot. Der Wein präsentiert sich ganz erstaunlich und mit individuellen Noten, salzig, kreidig, auch säuerlich. Jedenfalls einer, den man auf Anhieb bei einem zweiten Durchgang wiedererkennen würde.

5 Sens Brut Nature 2006, 54 € (Originalverkorkt): aus fünf Rebsorten, neben den drei üblichen Verdächtigen noch Pinot Blanc und Arbane. Holla, noch individueller und erstaunlicher als der erste Champagner von Olivier Horiot, Lakritznoten, weicher, nichts für Standard-Liebhaber, aber dafür etwas für mich.

Sève En Barmont Rosé de Saignée 2006, 34 € (Originalverkorkt): Hier ist Olivier mit seiner Individualität vielleicht ein bisschen zu weit gegangen. Ich schmecke Hagebutte und Teeblätter, dann ein ziemlich gegensätzliches süßes Himbeerbonbon, aber nur vom Aroma her, der Wein ist furztrocken.

Drappier

Gar nicht klein, insofern nur halb richtig bei dieser Verkostung. Das Haus produziert pro Jahr 1,5 Millionen Flaschen.

Brut Nature Zéro Dosage sans soufre, 29,15 €: Wer schwefelfreie Weine kennt, erwartet flüchtige Säure, aber die kommt nicht. Dafür gibt es ebenso typische apfelige Noten, ziemlich säuerlich, sehr geradeaus.

Brut Nature Zéro Dosage, 25 €: Wird wie der vorherige Wein behandelt, nur halt mit Schwefelung. Deutlicher Unterschied in der Nase, viel cremiger, weicher wirkend, am Gaumen aber ebenso stringend und sehr pur.

Quattuor Blanc de Quatre Blancs Brut, 49,20 €: Vier Rebsorten, und nur eine davon würde man erwarten, den Chardonnay. Daneben gibt’s noch Pinot Blanc, Arbane und Petit Meslier. Schmeckt dann ein wenig wie der 5 Sens von Horiot nach Süßholz, also trockenem Süßholz natürlich, sehr wenig Frucht, nicht unspannend.

Gimonnet

Das Weingut heißt eigentlich „Pierre Gimonnet et Fils“, geleitet heute von Didier und Olivier. Praktisch ausschließlich weiße Rebsorten werden angebaut, 250.000 Flaschen pro Jahr abgefüllt.

Cuis Premier Cru Blanc de Blancs Brut, 24,40 €: Ja. Das ist ein gewöhnlicher Champagner ohne viel Drumherum. Frische, säuerliche Noten, nicht gerade die üppige Variante, gut zum Anstoßen.

Spécial Club Premier Cru 2002 Brut, 39,10 €: Deutlich hefiger in der Nase als der kleine Bruder, nussiges Aroma, komplexer, weiniger wirkend als alle anderen hier. Definitiv bei Tisch besser aufgehoben.

Zum Schluss und kurz vor dem Fazit noch die persönlichen Enttäuschungen dieser Verkostung: Selosse und Egly-Ouriet. Enttäuscht war ich nicht von ihren Champagnern, sondern weil sie sich angekündigt hatten und trotzdem nicht (mehr) da waren. Soweit ich weiß, ist Egly-Ourier (bzw. Francis Egly) gar nicht erst gekommen, während Anselme Selosse wohl nachvollziehbar zu kalt wurde und er seinen Stand vorzeitig verließ. Wenn ich mich nicht täusche, habe ich ihn noch im Kapuzenpulli davonhuschen sehen. Schade, das wären zwei absolute Superstars des Champagners gewesen, aber ich will nicht undankbar sein. Und damit zum…

Fazit

Als ich wieder in die Métro stieg, dachte ich erst, dass ich total unzufrieden wäre mit den Ergebnissen. Kein einziger Champagner hat sich so präsentiert wie die Grande Cuvée von Krug letztes Jahr. Und genau das ist auch der Hinkefuß. Ich glaube, dass ich einfach mit zu hohen Erwartungen an diese Verkostung herangegangen bin. Nun waren schon die Bedingungen ausnehmend scheußlich, und Champagner wird ja bekanntermaßen komplexer mit steigender Temperatur, eingefrorene Lippen sind da nicht förderlich. Nach ein paar Diskussionen und ein paar Stunden bin ich jetzt doch der Meinung, dass mein ursprüngliches Fazit zu unerfreulich gewesen wäre. Jenes hätte nämlich gelautet: Kauft Euch lieber einen anständigen Crémant und spart Euer Geld für einen schönen Weiß- oder Rotwein.

Bevor ich aber zu meinem „neuen“ Fazit komme, hier noch meine Meinung zu den heute vorgestellten Produkten, auch wenn ein paar Schlucke unter alles andere als Laborbedingungen zwangsläufig leicht zu Irrtümern und Fehleinschätzungen führen können.

Für mich ganz persönlich der Gewinner der Verkostung war Olivier Horiot, auch wenn das viele mit demselben Recht genau anders herum sehen könnten. Seine Champagner besaßen den größten Wiedererkennungswert, den meisten Charakter – aber natürlich nicht die größte Eleganz. Die Champagner von Pierre Larmandier waren für mich zwar wieder sehr gut, aber noch zu jung von ihrem Entwicklungsstadium her. Drappier hatte sehr strikte Weine im Angebot, es war allerdings auch der untere Preisbereich seines Portfolios. Gimonnet hat sich klassisch präsentiert, und bei Jacquesson wurde ich vielleicht auf dem falschen Fuß erwischt. 18,5 Punkte hat der 2002er im Guide Vert bekommen, 18 bei Bettane & Desseauve, wahnsinnig viel also. Hm. Entweder trinke ich zu wenig Champagner (was definitiv der Fall ist) oder hier wird gnadenlos überbewertet (was ich nach dieser kurzen Stippvisite niemals mir erlauben würde zu behaupten).

Mit dem Stichwort der Überbewertung komme ich zum Preis-Leistungs-Verhältnis, das bei Champagner im Allgemeinen nicht gut aussieht. Champagner ist teuer, keine Frage, und dafür gibt es ein paar „gute“ Gründe und ein paar, tja, „andere“. Zuerst zu den guten Gründen, den Rahmenbedingungen des Anbaus:

Champagner ist nicht nur teuer, weil er viel Arbeit macht (mehrfaches Umfüllen, Rütteln und jahrelanges Lagern), nein, auch das Land ist teuer, die Trauben sind teuer (wenn man sie zukaufen muss), und vor allem gibt es ein erhöhtes Risiko an der nördlichen klimatischen Grenze des Weinbaus. Das Problem dabei ist weniger der Frost als vielmehr die Kühle während der Wachstumsperiode. Bis auf die Grands Crus sind viele Weinfelder relativ flach, mikroklimatische Wärmeinseln wie an den Mosel-Steilhängen sind ziemlich selten.

Nun zu den „anderen“ Gründen: Wer Champagner kauft, muss sich dessen bewusst sein, dass er immer die Marke mitkauft. Es gibt nun einmal einen Grund dafür, weshalb Champagner weltweit als das einzig gültige Getränk gilt, wenn es etwas zu feiern gilt. Dieser Grund heißt Marketing, permanentes, allgegenwärtiges Marketing, das viel Geld kostet, und so etwas zahlen die Kunden mit. Die gestiegene Nachfrage vor allem in neuen Boomregionen, in denen vorher höchstens Krimskoje oder Sake angesagt waren, hat zusätzlich dazu geführt, dass sich etliche Champagnerfirmen in den letzten Jahren eine goldene Nase verdient haben.

Wer solche Mechanismen total ablehnt, sollte in der Tat bewusst keinen Champagner kaufen, sondern unspekulative Schaumweine wie einen Crémant von der Loire oder aus dem Elsass oder einen anständigen Winzersekt.

Wer so etwas nicht wirklich gut findet, sollte sich dagegen einem Champagner nicht verschließen. Es gibt auch hier Winzer, die einen gewissen Gegenentwurf liefern wie der Sturkopf Anselme Selosse oder eben Newcomer wie Olivier Horiot, die sehr viel Mühe auf ihre Weine verwenden und nur wenige Tausend Flaschen pro Jahr verkaufen.

Wer den Champagner-Hype toll findet und auch dazu gehören möchte, sollte als Schaumwein ausschließlich Champagner trinken – in der Öffentlichkeit. Am besten eignen sich dafür die großen Marken, denn die kleinen Winzer kennt eh keiner, da weiß man nicht automatisch, wie viel es gekostet hat. Wenn keiner zuschaut, kann man allerdings auch gern etwas anderes zu sich nehmen.

Als persönliches Gesamtfazit dieser Veranstaltung muss ich zugeben, dass ich heute nicht nur interessante Produkte probieren konnte. Sowas passiert bei Weinproben öfter, auch wenn die angestellten Weine nicht immer so teuer sind. Nein, die ganzen Gedanken, die ich mir anschließend zum Champagnerwesen gemacht habe, sind erst dadurch in Fahrt geraten, weil die Caves Augé so großzügig waren, mir als gewöhnlichem Konsumenten diese Champagner anzubieten. Ja, ich weiß, auch das ist Marketing, das in den Flaschenpreisen schon mit drin steckt… Dennoch: Für mich ist Augé der größte Gewinner dieser Verkostung.

Caves Augé, 116 boulevard Haussmann, 75008 Paris; MO 13-19:30, DI-SA 9-19:30

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