Was hat der Gault Millau gegen Sven Leiner?

Diese Frage stellt man sich unwillkürlich bei der groben Lektüre des neuen Gault Millau 2011. Gut, zugegeben, ganz so brandneu ist er nicht mehr, aber nichtsdestotrotz noch fast ein Jahr „gültig“, und so lange schauen alle darin nach. Sven Leiner, der junge Biodynamiker aus dem pfälzischen Ilbesheim wird dabei für ein Jahr mit Sternentzug abgestraft. Damit aber nicht genug: Es wird ihm auch noch attestiert, dass er sich stilistisch versteuert habe, so unverstanden er sich selbst dabei fühlen mag. Holla holla, das klingt fast nach handfester Fehde. Was steckt wohl dahinter?

Fakt ist, dass der andere deutsche Weinführer, der gelbe Eichelmann, Sven Leiner zum Jahrgang 2009 gratuliert, so gut wäre er noch nie gewesen. Dass man bezüglich einzelner Weine durchaus mal unterschiedlicher Meinung sein darf (Gault Millau und Eichelmann sind ansonsten ja oft verdächtig punktnah), ist nicht nur legitim, sondern völlig nachvollziehbar. Dass der eine jedoch von der besten, der andere dagegen von der schlechtesten Leistung jemals spricht, das ist wiederum erstaunlich.

Ich hatte in den vergangenen Jahren schon mehrfach die Gelegenheit, das gesamte Portfolio von Sven Leiner durchzuprobieren. Die „Handwerk“-Linie fand ich genau richtig betitelt, nicht mehr, nicht weniger. Der Riesling „Setzer“ hatte mir persönlich immer am besten gefallen, während ich die Toplinie mit dem „Hadorne“, dem „Katzebosch“ (hießen ja früher mal „Hagedorn“ und „Heißbühl“) und dem Calvus-Mons-Riesling immer ein bisschen zu kräftig fand. Etiketten und Idee dahinter waren aber immer sehr stimmig, ist ja auch ein bisschen Teil des Gesamtprodukts.

Nun habe ich ausgerechnet von jenem kontroversen Jahrgang 2009 noch nichts probieren können, weil ich in England nichts davon bekommen habe. Eine sehr zuverlässige Gewährsperson schrieb mir aber per SMS: „leiner wie üblich, sehr süffig & „lecker“, teils wirklich gut, net echt kontrovers“. Irgendwie also kein Grund, jemanden abzustrafen.

Ein kleiner Verdacht kommt mir allerdings: Im Gault Millau sind nur die einfachen Weine getestet worden. Das kann man anhand der Anzahl der getesteten und der Anzahl der bepunkteten Weine klar sehen. Kein einziger Weißwein oberhalb der „Handwerk“-Linie ist darunter. Kann es sein, dass Sven Leiner später abfüllen wollte und der GM sauer war, weil er die Weine noch nicht bekam? Kann es sein, dass sie sich darüber in die Wolle gekriegt haben von wegen Biodynamik, Spontangärung, spätes Abfüllen, „wahres“ Terroirkonzept und so weiter? Ich erinnere mich an den Klopper mit Heymann-Löwenstein letztes Jahr im Eichelmann, dazu aber an anderer Stelle mehr. Wie gesagt, alles reine Spekulation. Vielleicht interessiert es auch gar nicht allzu viele Leute, ob ein junger Winzer von der Zwei- in die Ein-Trauben-Kategorie zurückgestuft wurde. Aber dass es ausgerechnet jemanden trifft, der von seinem ganzen Konzept her nicht gerade als stromlinienförmig gilt, macht mich dann doch stutzig.

Wie sieht’s aus, liebe Weinfreundinnen und Weinfreunde, wisst Ihr mehr? Habt Ihr Sven Leiners Weine aus 2009 schon probiert? Würde mich doch sehr interessieren…

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8 Antworten zu Was hat der Gault Millau gegen Sven Leiner?

  1. klaus markl schreibt:

    das wäre doch nicht das erste mal dass sich die funktionäre in der breiten meinungsbildung durchsetzen. es ist schade dass dann die konsequenzen sofort eintreten und er faule verbraucher sein kaufverhalten daruaf ausrichtet.
    dies führt natürlich auch zu teilweise arrogantem verhalten der winzer. (nee haben wir nicht mehr, leider ausverkauft, ist reserviert…).

    diel und co machen meinung im sinne von lobby…! nicht alles was sie sagen ist falsch oder richtig.
    imgrunde ist die bewertung von wein immer subjektiv. Es gibt nur zwei weine: “ die die schmecken und die die nicht schmecken.

    die jungen biodynamiker gehen ihren weg auch ohne gm.
    Uniformen gibst genug bunte vögel leider zuwenig.
    Also zurück zu leiner:
    Verkostung 2009 Grauer Burgunder:
    – schöne fruchtnase, kräftige frucht am gaumen, grüne birne
    preis/leistung excellent. tinken und freuen.

    – 2009 fusion rot:
    tiefrot im glas, nase nach brommbeeren, süße tanine, völlig unkompliziert ( war wohl auch das ziel), ein wenig mainstream.

    die beiden weine waren gestern die erste begnung mit dem winzer. nach recherche auf der website bin ich dann auf die kritischen gm zeilen gestossen.
    KM

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Klaus,

      das mit der Subjektivität von Weinbewertung ist wirklich ein Thema, zu dem ich mich auch noch mal positionieren möchte. Hab im Zug heute schon wild getippt, werd mir das aber noch mal durch den Kopf gehen lassen. Begriffe wie „richtig“ oder „objektiv“ halte ich eh für problematisch. Das sind so Dogmen, die mich schon im normalen Leben stören, bei Wein aber noch mehr. Ich denke, ein bisschen das Problem ist auch die personelle Verbindung/Verstrickung, ganz wie Du willst. Die Verkoster-Branche ist letztlich ja doch übersichtlich, und das kann bei dem Versuch der Objektivität schon mal daneben gehen.

      Was die bunten Vögel anbelangt, ganz meine Meinung. Du kannst ja mal meinen Artikel zu den Loire-Weinen lesen (selbst wenn Du Loire-Weine nicht mögen solltest). Da ist nämlich, wie ich finde, etwas passiert, was wir hier in Deutschland auch dringend gebrauchen könnten: frischer Wind von außen. Und vielleicht auch ein paar Leute (hört sich komisch an, aber habe ich in einem Gespräch mit einem sehr netten Weinhändler neulich erörtert), die während ihrer Explorationsphase bewusst einige Jahre in Unsicherheit, gar in Armut in Kauf nehmen. Dann aber beim Rauskommen auch richtig unterstützt werden. Von Schreiberlingen wie von neugierigen Kunden.

      Was den Leiner-Wein anbelangt, bin ich Dir für die Einschätzung sehr dankbar, so ähnlich hatte das mein Kumpel auch gesehen. Wenn ich wieder aus Istanbul zurück bin, werde ich mir vielleicht auch den einen oder anderen davon besorgen. Schließlich brauchen die immer ein Weilchen, bis sie sich öffnen, und ich glaube, im Sommer 2009 wären die ohnehin noch nicht da gewesen, wo sie heute sind.

      Viele Grüße, Matze

  2. klaus markl schreibt:

    hallo matze,

    danke für den tipp.
    habe deinen artikel gelesen und kann das nur unterschreiben.
    möglicherweise liegt es bei uns an der mentalität weniger zu teilen und gemeinsam die erfolge zu genießen.
    langfristig werden sich die winzer durchsetzen die kreativ und konsequet ihre linie verfolgen – auch bei uns.
    vor diesem hintergrund hier noch einen wie ich meine interessanten mann aus der steiermark, http://www.weingutmuster.com. der verfolgt haargenau die von dir beschriebene linie einiger loirewinzer. empfehle: graf sauvignon blanc, morillon und graf blauer zweigelt.

    liebe grüße klaus

    • chezmatze schreibt:

      Hallo Klaus,

      welch Zufall, das Weingut Muster gefällt mir auch sehr gut! Ich habe sie schon zwei- oder dreimal bei der K&U-Hausmesse in Nürnberg getroffen und hatte da auch die Chance, das ganze Programm zu probieren. Mir hatte die weiße Cuvée Opok schon gut gefallen, der Sgaminegg ist natürlich eine wirklich große Sache. Wo wir schon bei der Steiermark sind: Wie gefallen Dir die Sauvignon blancs von Neumeister. Ich bin selbst kein riesiger Sauvignon-Fan, aber seit ein paar Jahrgängen finde ich den „Klausen“ sehr sehr stark. Das ist für mich Sancerre-Niveau, aber ziemlich weit oben.

      Viele Grüße, Matze

  3. Klaus schreibt:

    hallo matze,
    muster ist schon etwas abgefahren ( „erde“ in der tonamphore sehr experimentel)
    die steiermark finde ich was die sauvignons angeht weltklasse.
    leider kenne ich neumeister nicht. werden wir ändern. wir sind ein kreis von weinliebhabern in düsseldorf, die das große glück haben zwei weinhändler in ihren reihen zu haben.
    der eine mit schwerpunkt deutschland, österreich und spanien, der andere italien ( toscana, piemont)

    grüße klaus

    • chezmatze schreibt:

      Das sind ja nicht die schlechtesten Voraussetzungen 😉 Die „Erde“ hatte ich auch schon mal von außen betrachtet, aber mir war er seinerzeit ein bisschen zu teuer, weil ich nicht wusste, ob’s „a Schaaß“ ist oder etwas Geniales. Heute hätte ich ihn wahrscheinlich gekauft. Aber ich werde erst mal Kühns Amphore probieren, bevor ich mich zum Amphorenwesen weiter äußere…

      Viele Grüße, Matze

  4. Detlef Menne schreibt:

    Gault Millau ist nicht der Nabel der Welt !
    Ich kaufe meinen Wein seit einigen Jahren beim Weingut Leiner, verschenke davon auch einiges an gute Freunde und bin nachwievor überzeugt.
    Entscheidend ist für mich, dass mir und meiner Familie der Wein schmecken muss, Da kann der Weinführer noch so hochkarätig sein und sich die entsprechenden Symbole häufen, der eigene Eindruck zählt !

    Leiner’s macht so weiter !!

  5. Pingback: K&U-Hausmesse 2012 – die deutschen Weine | Chez Matze

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