Weintest 9: Klaus Zimmerling Riesling 2009 – Sachsen

Ich kann mich daran erinnern, dass meine werte Verwandte E.K. immer so scharf auf Radebeuler Wein war. Der Grund dafür lag einfach in der Tatsache, dass der Radebeuler als Säurehammer Nr. 1 galt, frisch im Mund, grimm im Magen. Diese Zeiten sind längst vorbei, und wahrscheinlich ist E.K. eine der wenigen Personen, die Weißweinen mit mehr als zehn Gramm Säure pro Liter explizit nachtrauern. Auch wenn der Weinbau in Sachsen große Sprünge gemacht hat, für viele nichtsächsische Weinkenner handelt es sich immer noch um Terra Incognita. Ändern wir das doch einfach. Den Anfang soll dabei ein Winzer machen, der nicht gerade für glatte und angepasste Weine steht: Klaus Zimmerling.

Dass dieser Wein sich Individualität ganz groß auf die Fahne geschrieben hat, bemerkt man schon weit vor dem ersten Schluck. Und zwar an der Ausstattung. Die altdeutsche Weinherrlichkeit mit ihren Schnörkeln in Sütterlin-Schrift, mit ihren löwen- und adlerdominierten Etiketten, die Traditionsweingüter halten sie noch hoch. Neueren und aufstrebenden Betrieben fallen als Alternative für ihre modern gemeinte Etikettierung höchstens mal dicke Blockbuchstaben ein. Nicht so bei Klaus Zimmerling. Natürlich hat er auch das besondere Glück, mit der Bildhauerin Małgorzata Chodakowska verheiratet zu sein. Jene gestaltet für jeden Jahrgang eine neue Skulptur, die dann wiederum auf dem Etikett wirkungsvoll in Szene gesetzt wird. Dass es sich bei ihren Frauengestalten nicht um das Werk einer „Ich mach jetzt mal was mit Ölfarben“-Autodidaktin, sondern um eine Akademie-Absolventin handelt, erschließt sich auch Laien wie mir auf den ersten Blick.

Aber gut, die Form ist das Eine, der Inhalt das Andere, und da es hier um Wein geht, sollte ich mich besser dem Produkt widmen, das uns Klaus Z. hier in die Flasche gezaubert hat. Was die Individualität anbelangt, hinken die Weine aus dem Pillnitzer Königlichen Weinberg der Aufmachung keinesfalls hinterher. Die manchmal extrem ungünstigen klimatischen Bedingungen an der Nordostgrenze des professionellen Weinbaus, die starke Gneis-Granit-Mineralik, die ökologisch gepflegten Weinberge mit ihren lächerlichen Hektarerträgen, das bewusste Nichtstun (sprich: Werden-lassen) im Keller, alles das führt zu einem Ergebnis, das nicht gerade gewöhnlich wirkt.

Stuart Pigott hat sich in seinem kleinen genialen Weinführer vom letzten Jahr bei den Weinen von Klaus Zimmerling gefragt, „alles Rosen oder was?!“, weil Duft und Geschmack der Weine irgendwie nur ganz entfernt an das erinnern, was die jeweiligen Rebsorten in anderen deutschen Anbaugebieten an typischen Noten zu bieten haben. Vielleicht handelt es sich bei der Stockunterlage auch um Rosenmuskateller-Wurzeln, ich weiß es nicht.

Der von mir hier und heute probierte „gewöhnliche“ Riesling des Jahres 2009 (es gibt aus demselben Jahrgang auch noch einen Riesling „R“ und einen Riesling „A“) ist ungewöhnlich duftig, ungewöhnlich säuremild, ungewöhnlich süßmild und endet mit einer ungewöhnlichen Mandarinenschalen-Bitterkeit. Obgleich ich den Wein wirklich toll und spannend finde, passt er ungewöhnlich schlecht zu allen möglichen Speisen, die ich dazu ausprobiert habe. Die üblichen Verdächtigen bei Halbtrockenen wie asiatische Pfannengerichte funktionieren auch eher mäßig. Aber warum muss ein besonderer Wein auch als Essbegleiter taugen? Bei einem Südtiroler Rosenmuskateller, einem Viognier von der Nordrhône oder einem ungarischen Leányka fragt man sich das ja auch nicht. Und genau an diese kontinentalen und sommerwarmen Kreszenzen erinnert mich dieser Riesling.

Wer also glaubt, die ganze Bandbreite deutscher Rieslinggeschmäcker getestet zu haben, der versuche doch mal die Rieslinge von Klaus Zimmerling. Natürlich eignen sich die schlanken 0,5-Liter-Fläschchen auch prima als Geschenk für Einladungen, denn eine solch individuelle Verpackung bringt sicher keiner sonst mit. Allerdings sollte man die Gastgeber schon ein wenig kennen, damit sie der Geschmack nicht verstört. Wahrscheinlich sind kontroverse Diskussionen auch bei echten Weinliebhabern nicht ganz auszuschließen. Selbst ich, der ich diesen Wein für ausgesprochen interessant halte, bin bei der Wertung ein bisschen hin- und hergerissen. Einerseits ist das kein Riesling, wie man ihn kennt (und wie man ihn deshalb für „typisch“ hält), mir fehlt auch ein wenig der Pepp, das Radebeuler Säuerchen sozusagen. Andererseits öffnen solche ungewöhnlichen Interpretationen den Horizont ungemein, und wer das prinzipiell ablehnt, den halte ich mit Verlaub für borniert.

Also: 7,5 Punkte für Charakter, 6 Punkte für Eleganz, macht 15 MP insgesamt.

Zum Abschluss noch das Unerfreuliche an ostdeutschen Weinen im Allgemeinen und diesem Wein im Besonderen: dem Preis. Ab Weingut kostet der Riesling 2009 13 €, was in Anbetracht des Aufwand-Ertrag-Verhältnisses natürlich völlig gerechtfertigt, aber halt trotzdem nicht günstig ist. Ich selbst habe den Wein total zufällig in der Karstadt-Weinabteilung in der Wilmersdorfer Straße für 16,99 € gefunden. Solider, gut gelagert und 10.000mal besser beraten kann man den einen oder anderen Zimmerling-Wein auch bei Wein & Glas erstehen.

Eigentlich benötigt Klaus Zimmerling bei seinen wenigen Flaschen und der hohen Nachfrage keine besondere Werbung. Dass er als VDP-Winzer nicht im neuen „Eichelmann“ geführt wird, lässt mich aber doch ein bisschen daran zweifeln, ob man sich tief im Westen intensiv genug mit dem sächsischen Innovations-Motörchen beschäftigt hat.

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