Biertest 4: Englische Porter

Ja ja, Ihr deutschen Bierfreunde, die Ihr in Eurem Leben noch kaum je ein Porter aus deutschen Landen getrunken habt, hiermit sei Euch verkündet: Die Zeit der Pilsdiktatur neigt sich dem Ende entgegen. Überall sprießen die zarten Pflanzen der Biervielfalt hervor, von wachsamen Bierautoren per Twitter und Facebook auch außerhalb der Gemeinde bekannt gemacht. Bevor Deutschland in den nächsten Jahren von einer Welle dunkler obergäriger Biere überschwemmt wird, wollte ich nur schnell noch einmal im Mutterland des Porter nachschauen. Hier also drei englische Spitzen-Porter im Test:

Bier Nr. 1: The Kernel „A London Porter“. Hört sich bescheiden an, wenn man von „einem“ Londoner Porter spricht anstatt von „dem“, aber die kleine 0,33 l-Flasche ist nicht gerade unmutig bepreist. The Kernel, ich erwähnte es schon einmal an anderer Stelle, wurde erst in diesem Jahr aus der Taufe gehoben, das Bier ist also brandneu.

Im Test zeigt sich, dass die vorgebliche Bescheidenheit wohl ein ironischer Hint gewesen sein muss: Das Bier ist schwarz wie die Nacht, unheimlich stark geräuchert, gewaltige Mengen an Röstmalz, viel bissige Säure auch. Natürlich weiß ich, dass ein Newcomer auf dem Markt nicht gerade mit einem mild-wässerigen Getränk starten sollte, aber das hier ist eindeutig zu viel des Guten. Vielleicht gefällt Zigarrenrauchern und Whiskytrinkern dieser Stil noch am meisten, für mich ist er harsch und unausgewogen. Ich ringe mich zu 11 Matze-Punkten durch.

Bier Nr. 2: Meantime „London Porter“. Die hochgelobte Meantime-Brauerei in London mit ihrem engagierten Brauer Alastair Hook hat in den wenigen Jahren ihres Bestehens schon ebenso viele Preise eingeheimst wie sie Biere herausgebracht hat. Dieses hier hat in der Originalversion auf ratebeer.com derzeit 96 von 100 Punkten, Weltklasse. Wieso aber Originalversion? Ganz einfach: Das Bier, das ich hier vor mir stehen habe, ist zwar ein „London Porter“ von Meantime, aber eines, das exklusiv für Marks & Spencer abgefüllt wird. Natürlich ist das kein wirkliches Lohnbräu, der Name des Herstellers steht ja drauf. Ich wüsste aber nicht, bei welcher Gelegenheit eine solche „Exklusivabfüllung“ für ein Kaufhaus schon einmal besser gewesen sein sollte als das Originalbier der Brauerei. Hier fehlen zum Original jedenfalls schon einmal ein paar Promille, 5,5%vol statt 6,5%vol, um genau zu sein.

Nach dem groben Kernel wirkt das Meantime M&S Porter zunächst wirklich mild. Die Röstnoten sind relativ schwach, die ganze Komposition wirkt ausgewogen. Fruchtige und malzige Anklänge, wie sie typisch für ein Porter sind, brechen sich Bahn und führen zu einem angenehmen, wenngleich ziemlich leichten Finish. Dies ist ein gutes Bier, und ich schätze mich glücklich, das Original von Meantime in der großen Flasche ebenfalls gekauft zu haben. Es sollte von allem ein bisschen mehr haben, insgesamt aber so ausgewogen sein wie dieses hier. 16 MP

Bier Nr. 3: Cheddar Ales „Totty Pot“. Von den Cheddar Ales konnte ich, da sie hier ganz in der Nähe beheimatet sind, schon drei andere Sorten testen, und alle haben mir gefallen. Irgendwie schafft es der Brauer, diese feinwürzige Note in die Biere zu bringen, die Freunden oberfränkischer Lagerbiere so behagt. Als einziges Manko der Cheddars sei vielleicht angemerkt, dass sie in ihrer angenehmen Gefälligkeit ziemlich modern wirken.

Dieses Bier ist mit 4,7vol% das leichteste im Test, und irgendwie glaubt man das auch zu schmecken. Die Reihenfolge beim Probieren scheine ich genau falsch herum gewählt zu haben, denn das „Totty Pot“ ist das mildeste und ausgewogenste der drei Biere. Aber gut, das konnte ich vorher natürlich nicht wissen. Dennoch machte es keineswegs einen wässerigen Eindruck, denn leichtes Röstmalz, dunkle Textur, Cremigkeit und eine gewisse laktische Note sind auch hier vertreten. Allerdings alles in gedämpfter Ausführung. Wie die beiden anderen Biere auch, ist dieses hier zwar fruchtig, aber absolut trocken. Als Speisebegleitung zu einem Porter würde ich immer einen gereiften Käse empfehlen, nur zu viel Säure sollte er nicht haben, die bringt das Bier nämlich selbst mit. Wieder mal ein feines Bier, vielleicht ein Quäntchen weniger ausdrucksstark als das Meantime, dafür aber mildwürzig. 15,5 MP

Da das heute mein vorerst letzter Tag in England ist, war das hier auch mein letzter englischer Biertest. Es war wirklich großartig hier, und wenn ich nicht gearbeitet hätte, hätte ich mich komplett wie im Traumurlaub gefühlt. Das Meer, die Leute mit ihren Eigenarten, die Einkäufe, die Möwen, Regen und Sonne gleichzeitig, alles werde ich ein bisschen vermissen. Was für ein Glück, dass es nach einem kurzen Intermezzo in Deutschland wieder an einen weiteren attraktiven Ort geht. Ab dem 16. Dezember bin ich in Paris, wieder für einen Monat. Biertests wird es dort kaum geben, dafür aber alles andere.

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Eine Antwort zu Biertest 4: Englische Porter

  1. Pingback: Braufactum – Bierluxus made in Germany | Chez Matze

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