Das Buch für die einsame Insel

Einen Monat vor Weihnachten häufen sich ja die Listen in den Zeitschriften, welches die beste CD, der größte Sportler oder die erfolgreichsten Bücher des Jahres waren. Gern werden Prominente in diesem Zusammenhang auch gefragt, welches Buch sie denn auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Zum Glück bin ich nicht prominent, denn ich hätte ohne zu zögern dieses Buch genannt:

Es handelt sich um „North Atlantic Seafood“ von Alan Davidson, erstmals erschienen im Jahr 1979, die neueste Auflage datiert von 2003. Auf nicht weniger als 512 Seiten gibt dieses Werk einen Einblick in die Passion eines Mannes, der auszog, ein großer Diplomat zu werden und heimkam als Plaudertasche allererster Güte. Alan Davidson war tatsächlich mehrere Jahrzehnte lang in diplomatischen Diensten, zum Abschied bekleidete er noch das Amt des britischen Botschafters in Laos. Was ihn aber immer stärker antrieb als der Dienst beim Staat, das waren Fische. Fische aller Ozeane, aller Farben und Formen, sämtliche Zubereitungsarten und natürlich die Geschichten drumherum, die Anekdoten, das Fischerlatein.

Angeblich hat alles angefangen, als seine Frau in Tunis nach einem geeigneten Buch suchte, um die Fische auf dem Markt voneinander unterscheiden zu können und keines fand. Da hat sich Alan spontan entschlossen, selbst eines zu schreiben. Natürlich während der Arbeit, denn in seinem Vorwort dankt er vor allem den Arbeitskollegen für ihre Anregungen. Sogar zu seinem Posten bei der NATO in Brüssel, den er einige Jahre bekleidete, weiß Davidson zu sagen: „Es gibt wohl kaum einen geeigneteren Ort, um Fischrezepte aus aller Welt auszutauschen als das NATO-Hauptquartier.“

Dass es sich bei diesem Buch um das Werk eines Enthusiasten, eines klugen und gleichzeitig unterhaltsamen Mannes handelt, wird schnell deutlich. Klug ist zunächst einmal die Kategorisierung aller Fische und Meeresfrüchte mit ihren Namen, die sie in den entsprechenden Sprachen tragen. Urlaubsreisende in Portugal, denen eine „Cigarra do mar“ angeboten wird oder Besucher eines isländischen Restaurants, die einen „Snarpi langhali“ auf der Karte finden, werden bereits hierüber dankbar sein. Darüber hinaus werden zu jedem Fisch die spezifischen Charakteristika beschrieben, die Geschichte des Fischfangs, Rezepte aus den jeweiligen Ländern und vor allem jede Menge historischer Anekdoten und Schnurren. Das alles passiert äußerst feingeistig und mit einem trockenen Humor, wie er nur in England zu Hause ist. Passend dazu hat Davidson zur Illustration keine Fotos, sondern Zeichnungen aus alten Fisch- und Kochbüchern ausgewählt.

Die Rezepte, die im zweiten Teil des Buches folgen und nach Herkunftsländern gegliedert sind, gestalten sich nicht allzu kompliziert. In aller Regel handelt es sich um regionstypische Gerichte und eher um gehobene Hausmannskost als um die Kreationen eines Sternekochs. Eine Ausnahme bildet da vielleicht das Gericht, das ich als Titelfoto für diesen Beitrag ausgewählt habe: die „Royal Lamprey Pie“, also die königliche Neunaugen-Pastete. Das Original wurde Queen Elizabeth II im Jahr 1977 vorgesetzt, als sie die Stadt Gloucester besuchte. Und Neunaugen, diese glitschigen Urzeitviecher, fühlen sich nun einmal seit ewigen Zeiten in den schlammigen Wassern des River Severn zu Hause.

Leider ist dieses unterhaltsame und lehrreiche Werk nicht mehr als Neuausgabe im Buchhandel zu bestellen. Ich habe es vor einigen Monaten antiquarisch in der Kölner Kochbuchhandlung für 15 € erworben und es seitdem sogar als Strandlektüre benutzt. Alan Davidson hat natürlich in seinem Job viel von der Welt gesehen. Seine beiden anderen Bücher in dieser Trilogie, „Mediterranean Seafood“ und „Seafood of South-east Asia“, sind ebenso lesenswert. Natürlich besitze ich beide.

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