Englische Supermärkte im Test: Welcher ist mein Favorit?

Wer in England Lebensmittel auf dem Markt oder in kleinen Läden einkaufen will, bekommt zumindest auf dem Land echte Probleme. Zwar versichern einem die Leute, dass es vor zehn Jahren noch viel schlimmer gewesen sei und jetzt doch auch einige Farms einen eigenen Laden besäßen. Klassische Einzelhändler haben allerdings weiterhin einen schweren Stand, wenn es sie denn überhaupt noch gibt. Chefs im Ring sind eindeutig die Supermarktketten. Sie bestimmen, ob Eier rund oder eckig, Äpfel klein oder groß, Fertigessen indisch oder italienisch sind. Sie bieten allerdings auch lokalen Produzenten eine Plattform, denen der Feinkostladenmarkt weggebrochen ist (unter ihren eigenen Bedingungen, klar). Und – sie sind wesentlich besser als die deutschen Supermärkte. Hier meine Hitliste:

1. Waitrose: der beste Supermarkt, völlig unangefochten. Hier gibt es noch un-homogenisierte Milch mit Blubb oben drauf, Lemon-Curd-Eiscreme, englischen „Champagner“ und weitere individuelle Dinge. Das Chicken Masala für die Mikrowelle ist (leider) besser als im indischen Restaurant um die Ecke, die Sour Creme hat den geringsten Mayonnaise-Anteil, die Käsesorten vom Bauernhof werden in einschlägigen Büchern gefeatured. Hier ist einfach alles ein Stück besser als woanders. An der Spitze natürlich auch teurer, ansonsten aber nicht. Ein Waitrose-Manager beschwerte sich mal, dass alle Leute zum Asda gingen, weil sie glaubten, da wäre alles am billigsten. Dabei hätte Waitrose bei 70% der Produkte die günstigeren Varianten. Jene sind aber nur in den unteren Fächern zu finden. Und mal ehrlich: Wer fühlt sich schon in einem Supermarkt zu Hause, in dem er nur die schäbigsten Waren kauft? Das hier ist upmarket. Vergleichbares in Deutschland Fehlanzeige, in Belgien Delhaize.

2. Marks & Spencer: die Nummer zwei vor allem deshalb, weil diese Kaufhauskette zwar eine Menge guter Waren führt, aber eben kein Vollsortiment. Viele Dinge sind für Marks & Spencer produziert worden, bei den allermeisten kann man auf der Packung erkennen, dass das nicht die schlechtesten Lieferanten waren. Allerdings (und keine Ausnahme): Meantime braut für Marks & Spencer ein schwächeres Porter als das, was sie unter ihrem eigenen Namen vertreiben. Vergleichbares in Deutschland: Karstadt-Lebensmittelabteilung.

3. Sainsbury’s & Tesco (allerdings nur die großen):  Die beiden sind die Marktführer in England, und das kommt nicht von ungefähr. Beide glänzen mit komfortablen Öffnungszeiten, einem Vollsortiment, das nur wenige Wünsche offen lässt und einer eigenen, hochwertigen Produktlinie. Bei Sainsbury’s heißt sie „Taste the Difference“, bei Tesco „Finest“. Auch hierfür produzieren namhafte Hersteller. Vergleichbares in Deutschland: Globus, HIT-Markt.

4. Morrisons & Co-op: Diese beiden Ketten könnten auch auf dem Niveau von Sainsbury’s und Tesco sein, würden sie nicht eine Menge kleinerer und schlechter ausgestatteter Filialen mit durchschleppen müssen. Morrisons hatte vor einiger Zeit die alte Safeway-Kette aufgekauft, ältere Geschäfte sind an den Moosablagerungen an den Dachziegeln zu erkennen (…okay), und bei Co-op ist die Flächendeckung wichtiger als ein durchgängiges Sortiment. Beide sind aber durchaus passabel, etwas über dem Rewe-Niveau, wenn man es so sagen will.

5. Asda: ein weiterer Boomkandidat, seit einiger Zeit von Walmart aufgekauft. Entsprechend sind die Öffnungszeiten für unsere Verhältnisse verblüffend, 24 Stunden rund um die Uhr – unter der Woche. Kleine Asdas sind ein Graus an Enge und unattraktiver Präsentation (ich fühle mich an Plus erinnert), große Asdas sind halt die Walmarts im eher unteren Segment. Ein großer Asda ist auch fast immer voll, der Umgang ein bisschen rau. Neulich wollte mir ein kahlgeschorener „Rugby-Mate“ den Einkaufswagen wegschnappen. Für Sozialstudien des kontemporären Englands definitiv der beste Markt. Macht ansonsten etwas zu penetrant auf „wir sind die billigsten“.

6. Lidl & Aldi: gibt es in England auch, und sie seien nicht nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Wer sich zu Discountern hingezogen fühlt, sollte durchaus vorbeischauen, denn das Angebot unterscheidet sich schon ziemlich stark von dem deutschen. Macht mir persönlich keinen Spaß, hier aus den Kartons die Pralinen herauszugrabbeln. Aber die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, und für Günstiges muss man sich beim Lidl halt nicht so stark bücken wie beim Waitrose.

Kleiner Nachtrag in der Annahme Eures Interesses (heute – 6. Mai 2013 – in der brand eins gelesen): Marktanteile von Supermärkten in Großbritannien

  • Tesco                     29,0%
  • Asda                       16,2%
  • Sainsbury’s           15,7%
  • Morrisons             10,7%
  • Co-Operative          7,3%
  • Waitrose                  4,1%
  • Marks & Spencer   3,4%
  • Aldi                           2,7%
  • Lidl                           2,0%
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7 Antworten zu Englische Supermärkte im Test: Welcher ist mein Favorit?

  1. Yvonne75 schreibt:

    Danke Matze für die tolle Übersicht. ich kaufe ja auch sehr gern im Ausland in den supermärkten ein, da hilft mir deine zusammenstellung beim nächsten England-Urlaub sehr. Könntest Du das auch einmal für frankreich machen? das wäre super! Viele Grüße, yvonne75

    PS: Ach klingt der Waitrose toll! Viel Spaß weiter beim Einkaufen.

  2. chezmatze schreibt:

    Hallo Yvonne,

    ich bin früher schon x-mal in französischen Supermärkten gewesen, habe das Angebot aber nie systematisch betrachtet. Immer nur: Puh, was für eine Auswahl! In Paris war ich ja nicht in einem Hyper. Aber das wird sich hoffentlich bald ändern. Die Anregung nehme ich jedenfalls gern auf.

  3. Pingback: Auchan & Co.: Alle Supermärkte in Frankreich | Chez Matze

  4. katha schreibt:

    bei waitrose gehört unbedingt noch wfi (waitrose food illustrated) erwähnt, ein hervorragend gemachtes food-magazin.

    • chezmatze schreibt:

      Stimmt! Intuitiv würde ich sagen, dass Waitrose ziemlich viel „richtig“ macht im Moment, wobei ich deren Einkaufspolitik etc natürlich auch nicht enau kenne. Aber ein Supermarkt, der in mir die Assoziation eines Spezialitätengeschäfts oder eines Marktbesuchs weckt, gefällt mir einfach.

  5. Nicholas Derrek Curley schreibt:

    Ich kann dem nur zustimmen. Waitrose ist eine Klasse für sich, weit über allen seinen Konkurrenten. Die Preise sind keineswegs zu beanstanden. Sie sind nicht teurer als die billigere Konkurrenz von asda, Tesco, Saisbury und Morrisons.; denn die Qualität ist der der vorgenannten so überlegen. Bei keinem der vorgenannten erhalte ich zum Beispiel Aberdeen Angus Bio Rindfleisch, free range bacon, die gesamte Reihe der absolute Spitzenklasse darstellenden Marmeladen von Duchy Original u.s.w. In einem Bioladen in Köln habe ich letztere für Euro 8,50 das 340 Gramm Glas gesehen. Bei Waitrose kostet das 454 Gramm Glas derselben Marmelade 2.60 Pfund Sterling.

    Ich freu mich schon auf den nächsten Besuch

    • Matze schreibt:

      Ja, mein Artikel ist ja jetzt schon ein Weilchen her, also habe ich bei meinem letzten Mal in England nachgeschaut, ob ich am Artikel irgendwas ändern müsste. Ehrlich gesagt nein.

      Waitrose ist, wie Du schon sagst, den anderen weiterhin ein ganzes Stück voraus. Die Bratenscheiben vom Herefordshire-Rind, das Eis von Ermi & Gerti, die beste Supermarkt-Sour Cream… und irgendwie dieses Gefühl, dass man sich um die Kundschaft kümmert. Waitrose ist so middle class und PC wie der Guardian. Aber ehrlich gesagt ist eine solide Unaufgeregtheit auch ganz schön in dieser sensations- und skandallüsternen Zeit.

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