Weintest 6: unbekanntes Sprudelobjekt in Alufolie

Dies ist, wie man so schön sagt, ein anlassbezogener Weintest. Heute findet nämlich in der Körtestraße 21 zu Berlin-Kreuzberg bei den Hammers eine wirklich tolle Weinprobe statt, bei der ich liebend gern selbst dabei sein würde. Es geht um blind zu verkostende Schaumweine, Spiel, Spaß, Spannung und auch um eine gute Sache. Aber schaut hier selbst nach. Um mich so zu gerieren, als wäre ich mit am Tisch, habe ich mir einen Schaumwein besorgen und komplett in Alufolie wickeln lassen. Einen echten Blindtest wollte ich nicht machen, denn wir haben hier weder schwarze Gläser, noch macht es einen besonders intelligenten Eindruck, mit verbundenen Augen in die Kamera zu schauen.

Für all diejenigen, die sich kein Filmchen antun wollen, sei hier schnell zusammenfassend gesagt, dass es der getestete Sprudler in sich hatte: in der Nase eher voluminös und cremig wirkend, wenig Fruchtnoten, eher trocken raschelndes Gras auf einer Spätsommerwiese, ein gewisser Alkohol und auch ein bisschen buttrige Breite. Am Gaumen zieht die Säure dann aber dem Tester die Schuhe aus. Ungeheure Grapefruitfrische, Limetten, saurer Boskoop, alles fast unreif geerntet, keine Spur mehr von Volumen. Wenn sich das später (also nach dem Ende des Films) auch noch etwas abmildert, so richtig bindet sich die Säure nicht ein; der Wein bleibt fordernd.

Ein Champagner ist das auf keinen Fall, jedenfalls nichts Pinot-Artiges, und deshalb tippe ich auf Chenin blanc von der Loire aus einem kühlen Jahrgang. In Wirklichkeit befindet sich in der Flasche ein erstklassiger englischer Quality Sparkling Wine, die Nyetimber Classic Cuvée Brut von 2002.

Nyetimber aus West Sussex ist mit 177 ha eigener Anbaufläche mittlerweile das größte private Weingut im Königreich. Im Jahr 1986 wurde der Betrieb von dem unternehmungslustigen amerikanischen Ehepaar Moss aus der Taufe gehoben, um hier einen ernsthaften Champagner-Rivalen entstehen zu lassen. Die Böden sind gut, keine Frage, wir befinden uns am geologischen Nordrand des Pariser Beckens mit Kreideablagerungen aus derselben Zeit wie diejenigen in der Champagne. 1988 wurden dann die ersten Reben gepflanzt, und zwar ganz klassisch champagnös Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Als es die Mossens im Rentenalter wieder in die Staaten zog, übernahm ein ebenfalls pensionierter ehemaliger Songwriter und Musikproduzent das Gut, seit 2006 gehört es dem niederländischen Geschäftsmann Eric Heerema, der seitdem viel in Weinberge und Winery investiert hat.

Nyetimber war also im Grunde genommen noch nie „true English heritage“, sondern von vornherein auf das Schaffen eines großen Schaumweins ausgerichtet, so etwa nach dem Motto „wir können sowas hier auch“. Und dass sie das können, bewiesen die Nyetimberer mit dem Nachfolgejahrgang des hier getesteten Weins: Der 2003er aus dem bekannt heißen Jahrgang erkämpfte sich nämlich den Titel „Champion of Worldwide Sparkling Wines“ auf dem Contest „Bollicine Del Mondo“ in Italien. Von diesem Wettbewerb hatte ich zwar bislang noch nichts gehört, aber bei meiner nicht vorhandenen Vorliebe für obskure Prämierungen ist das natürlich auch kein Wunder.

Mein eben gestesteter 2002er Nyetimber trägt dagegen alle Charakteristika eines schwierigen, eher kühlen Jahrgangs in sich. Prinzipiell liebe ich ja die schlanken Gewächse, und für 10-15 Euro hätte ich auch mein Einverständnis erklärt. Bei weniger schlanken 26,90 Pfund Sterling, was nach heutigem Umrechnungskurs genau 31,31 € sind, ist dies hier allerdings kein Prickler für jeden Tag.

Fazit 1: Diesen Wein hätte auch blind kein Mensch für einen Rosé gehalten.

Fazit 2: Es sei mir bitteschön verziehen, aber irgendwie hat dieser Blindtest mich nicht davon abgebracht, die englischen Weine eher für „interessant“ als für „brilliant“ zu halten.

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