Unter braven Schafen

Der River Severn gilt Engländern und Walisern (denn jene wohnen auf der anderen Uferseite) als schlammiges Gewässer zwischen Fluss und Meer, aus dem man höchstens ebenso schlammige Aale ziehen kann. Für seine landschaftliche Schönheit wird die Gegend seltener gerühmt. Und doch war ich heute auf einer großartigen Halbinsel aus grünem Gras, auf English-Lawn-Quality getrimmt von unzähligen Kühen und Schafen.

Irritierenderweise heißt diese Halbinsel „Sand Point“, Sand gibt es hier nämlich wahrhaftig keinen. Allerdings liegt sie am Ende der „Sand Bay“, einer im Sommer sicherlich total überfüllten Strandbucht nördlich von Weston-super-Mare. A propos Sommer: Im Sommer würde ich wahrscheinlich nicht nach England fahren, denn alles, was unsereiner so vom Sommer erwartet, findet hier kaum statt. Regen mindestens jeden zweiten Tag, das Meerwasser auf wenig beeindruckende 17 Grad temperiert, trotzdem alles voll grölender Bleich- und Rotgesichter aus den Vorstadtsiedlungen. Im November hingegen nervt nur die Kürze der Tage, um halb fünf nachmittags ist es bereits dunkel. Dafür hat man an jedem Tag das gesamte Portfolio wetterlicher Erscheinungen: Sturm, Regen, Kälte, hervorbrechendes Sonnenlicht, plötzlich Windstille, Wärme, dann wieder grau, Schleier, Nebel, aufkommender Wind, Sonne, schnell ein peitschender Schauer und immer so weiter. Heute sollte es laut Wetteronline schütten, was das Zeug hält. Eine dunkle Wolke mit drei Tropfen für den Vormittag, den Nachmittag und auch den Abend. Stattdessen habe ich in Gummistiefeln und Regenjacke geschwitzt, weil es windstill, sonnig und mild war wie im Spätsommer.

Die Kühe und Schafe auf Sand Point sind menschliche und hündliche Störenfriede übrigens gewohnt und reagieren ganz gelassen auf Spaziergänger. Ein kleines „Mäh!“ zur Begrüßung, ein paar Trippelschritte auf die Seite, und schon wird weiter das salzige Gras gemäht. Weil ich heute zur Ebbezeit hier war, konnte ich kaum glauben, dass ich vor ein paar Tagen an dieser Stelle noch im Meer war. Zu dieser Tageszeit hätte ich mich mühsam über Steinbrocken schleppen müssen.

Ich kann jedenfalls sehr empfehlen, zu einer vorgeblich unattraktiven Zeit ans Meer nach England zu kommen. Heute war ein großartiger Tag, und nach einem solchen Spaziergang fiel mir die Textarbeit danach umso leichter.

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