Biertest 3: Englische Ales (2)

Seitdem ich in England bin, suche ich unaufhörlich nach Lebensmitteln, die ich noch nie vorher genossen habe – vielleicht auch nie mehr, denn in drei Wochen ist ja alles wieder vorbei hier in Weston. Bei den Bieren habe ich heute allerdings eine Ausnahme gemacht und das „Uslarer Bergbräu Altstadt Dunkel“ aus dem schönen Solling mit in den Test genommen, im Jahr 1998 vom ProBier-Club zum „Bier des Jahres“ gewählt. Ist zwar schon eine Weile her, und der Club bestand damals – soweit ich weiß – lediglich aus den beiden Gründungsmitgliedern, aber gut, Ehrentitel vergehen bekanntlich nie.

Bier Nummer Eins, das „East Street Cream“ von der RCH Brauerei von einer Farm hier aus der Nähe von Weston, hat seine große Prämierzeit auch längst hinter sich. 1997 war es Champion, allerdings auch nicht wirklich weltweit, sondern beim Winter-Bierkontest in Cornwall. „RCH“ hört sich übrigens nur industriell an, es ist nämlich die Abkürzung für das „Royal Clarence Hotel“ in Burnham-on-Sea, in dessen Keller die beiden Brauer in den 1980er Jahren diese Kleinbrauerei aus der Taufe hoben. Auch das „Royal Clarence“ ist trotz des Namens kein Nobelpalast, sondern ein schön mit Veloursteppich ausgekleideter Dreisterner.

Das Bier selbst wurde zur 500-Jahr-Feier eines Pubs zum ersten Mal gebraut, den Namen durfte der Gewinner eines dortigen Preisausschreibens verleihen. Gegenüber dieser leicht bizarren Vorgeschichte zeigt sich das – meiner Meinung nach irreführend bezeichnete – „Premium Bitter“ sehr schön malzig, äußerst weich und mild, ein echtes „Cream“ also. Ich könnte mir vorstellen, dass es gut zu dunkleren Eintöpfen passt, vielleicht zu einem Irish Stew. Einen Minuspunkt gibt es allerdings von mir für die Persistenz. Nicht diejenige des Schaums, der hält sich beachtlich, nein, der Abgang ist für meinen Geschmack ein wenig zu wässerig.

Die Punkte: 6 für Eleganz, 4 für Charakter, macht 14,5 MP insgesamt.

Das zweite Bier stammt aus einer Brauerei, die schon hinter vorgehaltener Hand als das „next big thing“ gehandelt wird. Und was war das letzte „big thing“? Natürlich die Meantime-Brauerei aus Greenwich, welche Frage. Okay, englische Biere, selbst wenn sie aus London sind, kennt in Deutschland wahrscheinlich niemand… Dass „The Kernel“ in einer Minibrauerei ausgerechnet in der Druidenstraße gebraut wird, ist wahrscheinlich Zufall. Kein Zufall scheint mir zu sein, dass dieses schöne „Amber Ale Centennial„, das ich hier getestet habe, eine echte Fruchtbombe ist. Neue Brauereien, die gleich von Anfang an auf Flaschenbiere setzen (in England, wie schon mal erwähnt, keine wirkliche Tradition), die geschmackvolle Etiketten ohne historische Wappen, bunte Gasthöfe und selbst gezeichnete Comicfiguren besitzen und die auch noch mit amerikanischem Hopfen (= Centennial) brauen, die (Wurmsatz gleich zu Ende) sind in der Regel hauptsächlich auf der bitteren Seite. Es sei ja jetzt total in Mode, so sagte mir neulich ein belgischer Bierkenner mit bittersüßer Miene, dass sich neue Brauereien an der florierenden Brauerszene in den USA orientieren. Da die amerikanischen Hopfensorten eh bitterer sind als die englischen und die Amerikaner zudem noch „stronger tastes“ favorisieren, sei das Ergebnis meist etwas arg herb.

Das kann man von diesem Bier allerdings nicht behaupten. Der Centennial bringt Frühlingsfrische, Zitrusfruchtigkeit und ein wenig Kräuter mit ins Glas, aber keine Bitternoten. Obwohl es definitiv ein Bier ist, an das man sich erinnern kann, weiß ich nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Hopfenkekse knabbern oder etwas Salzgebäck vielleicht, damit mehr Pep in dieses Blumensträußchen kommt. Obwohl, so ganz ohne Charme ist es ja auch nicht…

Die Punkte: 5 für Eleganz, 6 für Charakter, macht 14 MP insgesamt.

Das dritte Bier, von mir eigenhändig den ganzen weiten Weg über den Kanal transportiert, ist das „Uslarer Altstadt Dunkel„, ich erwähnte es ja schon. Ich erinnere mich noch daran, dass man vor Jahren, als dieses Bier in ausgewählten Getränkemärkten zwischen Weser und Leine Einzug hielt, darüber munkelte, es habe ja doch „diesen Preis“ gewonnen. Ich, der ich damals in Bamberg war, hatte das Bier dann auch meinen fränkischen Freunden mitgebracht, weil ich ohnehin fand, dass diese dunkel-malzige Art sich hervorragend in die oberfränkische Bierlandschaft einfügt. „Passabel“, meinten meine Freunde damals zu meiner nicht geringen Enttäuschung. Hätten sie dasselbe heute behauptet, ich hätte ihnen leider Recht geben müssen.

Der sehr dürftige, etwas brausig wirkende Schaum machte mich schon stutzig. Natürlich ist das Kernel eine echte Fruchtbombe, aber beim ersten Schluck des Uslarers musste ich sofort an das Wort „Molassetrog“ denken. Das liegt daran, dass ich „Molasse“ und „Melasse“ immer verwechsele, und wenn ich nicht genau wüsste, dass hier streng nach dem Reinheitsgebot… Die Einbecker Börde besitzt immerhin sehr gute Böden für den Zuckerrübenanbau. Aber nein, ich will mich nicht versteigen, das Bier ist nicht schlecht und scheint mir optimal zu karamelisiertem Schwein vietnamesischer Art zu passen. Vielleicht hatte ich einfach ein wenig mehr Würze erwartet.

Die Punkte: 4 für die Eleganz, 4 auch für den Charakter, macht 11 MP insgesamt.

Kleines Fazit: Die Biere waren alle braun, geschmacklich aber sehr unterschiedlich und gaben auch nachher noch zu Diskussionen Anlass. Mehr kann man sich kaum wünschen. Oder doch: Nächstes Mal gibt es Hopfen im Quadrat. Ob mir das dann besser gefällt, muss sich allerdings erst noch erweisen.

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