6 Matzes neue Weinbewertung

Achtung Achtung, meine lieben Freundinnen und Freunde einigermaßen klarer Orientierungshilfen, hier kommt etwas für Euch! Ich hatte in den ersten Weintest-Videos die von mir getesteten Weine meist mit schnöden Worten zu beschreiben versucht, gelegentlich sogar Andeutungen gemacht, ob mir ein Wein gefällt oder nicht. Aber des wahren Weintesters Wonne ist es doch, Punkte zu verteilen. Anders als bei Parker werden meine Punkte auch keine Turbulenzen auf dem Weltmarkt hervorrufen, wenn ich einem Hofschoppen übermäßig viele und einem Grand Cru unvorteilhaft wenige Punkte zuerkenne. Aber das ist nur die eine Seite des Matze-Systems, die wichtigere folgt jetzt:

Ich habe mich entschlossen, drei getrennte Punktskalen einzuführen. Zwei davon sollen den Wein anhand wichtiger Charakteristika beschreiben, die dritte ihn in seinem Gesamtauftritt bewerten.

Ich orientiere mich dabei an der französischen Bewertung, die insgesamt 20 Punkte als Höchstwert hat. In den ersten beiden Teilbereichen sind jeweils 10 Punkte zu vergeben.

Teilbereich 1 heißt “Eleganz”.

0 Punkte ist ein Rülpswein, 10 ein erstklassig gereifter Bordeaux oder Burgunder. Das soll allerdings nicht heißen, dass ein Silvaner im Extremfall nicht auch eine solche Punktzahl erreichen könnte, aber es ist halt sehr selten.

Elegant nach meiner Vorstellung ist ein Wein, der eine optimale Ausgewogenheit besitzt, eine smoothe Materie, nichts Raues und Ruppiges, eine dezente und wenig aufdringliche Frucht, kein exaltiertes Holz, die Säure präsent aber nicht beißend. Alles ist gut eingebunden, reif, eher samtig, der Abgang voll und lang, nicht brandig. Weine, die in ihrem Lager-Optimums-Trinkfenster sind, was bei jedem Wein völlig unterschiedlich sein kann, haben eine gute Chance, von mir als elegant bezeichnet zu werden. Und bei zehn Punktstufen bleibt auch genügend Platz für Differenzierungen.

Kleines Beispiel: Neulich hatte ich einen 20 Jahre alten Wein aus dem Roussillon im Glas. Bereits bei seiner Abfüllung war das ein wenig extremer Wein, jetzt besaß er aber endgültig keine Kanten mehr: äußerst glatt, seidig, dem Gaumen schmeichelnd, der Holzeinfluss auf ein Minimum gesunken, eine dezente Fruchtnote eher nach Hagebutte als nach forscher Brombeere, ein ebenso weicher Abgang, sehr zart. Dieser Wein bekam von mir viele Eleganzpunkte und wenig Punkte in meiner zweiten Kategorie:

Teilbereich 2 heißt “Charakter”.

0 Punkte bekommt ein stilles Wasser, 10 Punkte der Schieferklinger-Riesling von der Saar (nein, es gibt keinen Schieferklinger, ich meinte nur einen Wein, der so voller Gesteinscharakter ist, dass er fast tönen könnte).

Ein charaktervoller Wein hat vielerlei Möglichkeiten, seinen Charakter zu zeigen, ich bin da nicht auf ein bestimmtes Muster festgelegt. Um viele Punkte zu erhalten, muss er aber seine Herkunft deutlich zeigen. Jawohl, da ist er wieder, der alte Terroir-Gedanke, und ich gebe gerne zu, dass ich vieles davon unterstütze. Um es klar auszudrücken: Ein technisch hingezimmerter Allerweltswein, der meinetwegen “lecker” schmeckt, hat keinen Charakter und bekommt wenig Punkte in dieser Kategorie. Ein Wein, der Gestein, Wind, Wetter und die individuelle Handschrift des Winzers spüren lässt, kann sogar leicht am Rand der sensorischen Fehlerhaftigkeit sein, um bei mir dennoch viele Charakterpunkte zu bekommen.

Kleines Beispiel: Letztens hatte ich einen gereiften Savennières im Glas, einen Weißwein von der Loire. Der war wie flüssiger Bernstein, total fordernd, wahnsinnige Mineralität, ein Steinbeißer, null Frucht, null Frische, nichts Anheimelndes. Das war ein Wein, der sehr wenige Eleganz- und sehr viele Charakterpunkte von mir bekommen hat.

Ist es denn nun möglich, dass sich Eleganz und Charakter verbinden, oder schließt sich das aus? Natürlich gibt es Weine, die in beiden Kategorien ähnlich bewertet werden. Kleine Weine zum Reinsüppeln zum Beispiel sind weder elegant noch haben sie viel Charakter. Große Weine hingegen haben beides, man spürt die Eleganz der Materie und merkt trotzdem die Herkunft und den Rebsortencharakter.

Kommen wir zum Schluss und damit zum Gesamteindruck. Jetzt wäre es irgendwie logisch, die beiden Punktewerte zu addieren, denn der Höchstwert für einen fantastischen Wein liegt bei 20 Punkten. Wäre. Ich hatte allerdings vergessen anzumerken, dass Weinkritik und Punktesysteme nicht logisch sind und erst recht nicht objektiv. Weder bei Parker noch bei Bettane & Desseauve noch im Gault Millau. Das wäre auch vermessen, denn neben einer halbwegs objektiv messbaren Allgemeinqualität gibt es noch eine Vielzahl höchst subjektiver Merkmale, die sich auf die Punktevergabe auswirken. Kleines Beispiel: Weinkritiker Parker mag Weine fruchtig, extraktreich und unbehandelt, Weinkritiker Peñín eher schlank und raffiniert. Einen guten Wein werden beide nicht komplett durchfallen lassen, je nach Art des Weins sind aber völlig unterschiedliche Gesamtpunktzahlen möglich.

So soll es auch bei mir sein: Charakterpunkte plus Eleganzpunkte plus subjektivem (und mit entsprechender Begründung versehenem) Zusatzwert = Gesamteindruck.

Einen Weine von über

  • 13 Punkten trinke ich aus, einen von
  • 15 Punkten und mehr würde ich wieder kaufen, einen über
  • 17 Punkte weiterempfehlen. Einen
  • 19-Punkte-Wein würde ich weiterverkaufen, weil ich das ganze Restkontingent, das jetzt bei mir im Keller lagert, günstig erstanden habe.

Alles viel zu theoretisch? Mag sein, aber es werden hoffentlich noch einige Weine hier kommen, und mit der Zeit wird es vielleicht auch klarer, warum ich welchem Wein wie viele Punkte gebe. Bleibt weiter dran und nickt mit dem Kopf ob der Bewertung, oder regt Euch auf und macht einen Gegentest. Es soll auf jeden Fall nichts Statisches und Abstraktes bleiben.

Edit: Falls ich noch nicht darauf hingewiesen hatte, Noten gebe ich nur bei Weinen, die ich wirklich des Langen und Breiten verkosten konnte. Jenen also, die ich vom Öffnen bis zum letzten Schluck ein paar Tage später begleiten kann. Nach einem Nippen aus dem Plastikbecher gleich eine Schulnote aus der Tasche ziehen zu wollen, halte ich gelinde gesagt für ein wenig anmaßend. Und noch was: Die Bewertungen gelten für den Zeitpunkt der Verkostung. Es kann dabei durchaus passieren, dass ich aus Neugier einen Wein sehr früh öffne. Sollte ich dann zu der Erkenntnis gelangen, dass ich zu voreilig war und ihm eine gloriose Zukunft bevorsteht, schreibe ich das auch.

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  1. Pingback: Wein aus Thailand | Chez Matze

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