Weinrallye #62: Sie nannten ihn Suffwein

Weinralley  #62 aud Drunkenmonday.de

Dies ist ein Beitrag für die Weinrallye #62, ausgerichtet von den Drunkenmonday-Jungs, bei denen es immer wieder Spaß macht, auf dem Blog herumzustöbern. Das Thema dieser Ausgabe könnt Ihr links in Grau auf Weißgrau lesen: 5 € – die Grenze des guten Geschmacks? Und wir alle, die wir uns an dieser Weinrallye beteiligen, bleiben unterhalb dieser Geschmacksgrenze mit unserem… tja, wie soll man es nennen? Tipp? Beweis? Falls ja, wofür oder wogegen? Ich jedenfalls möchte Euch hier einen Wein vorstellen, der in meinem engsten Freundeskreis unter dem Spitznamen “Suffwein” fungiert. Warum er so genannt wird, werdet Ihr nach einem schnöden Klick erfahren können.

Was bekommt man überhaupt für weniger als 5 €? Wenn man sich nicht für Wein interessiert, bekommt man ganz schön viel. Die komplette Discounter-Riege zum PreisBeispiel. Und auch im gewöhnlichen Supermarkt eigentlich jeden der dort angebotenen halbtrockenen Rotweine. Im Fachgeschäft wird es da schon schwieriger, weil hier einfach nicht die Massen an Gluckerware umgesetzt werden, bei denen eine Marge von 6,745 Cent pro Flasche dem Händler noch Spaß macht. Wer in einer echten Weingegend wohnt, hat dagegen meist Glück. Die Einstiegsweine eines lokal verkaufenden Winzers oder auch ein Gutteil der Genossenschaftsprodukte gibt es für weniger als den magischen Lappen auf unserem Titelbild.

Aber: Das sind – zumindest hierzulande – praktisch ausnahmslos alles Weine mit einer gewissen Restsüße und wenig Säure, milde Vertreter für milde Gaumen. Ich aber mag es herb und deftig. Und genau das liefert mir – der Suffwein!

Als wir in Portugal waren, haben wir gern einen Rotwein aus dem untersten Supermarktregal gezogen, denn da stehen sie, der Portugiesen allerliebste Alltagsroten. “Vinho Verde”, das heißt bei uns ausschließlich Weißwein. Nicht so in Portugal. Hier findet Ihr überall die säuerlichen Jungspunde, die glasweise zum Mittagsmahl und flaschenweise zum würzigen Abendessen gereicht werden. Stinkekäse? Suffwein! Kohlsuppe? Suffwein! Wurst und Brot? Suffwein! Ganz einfach.

WeinUm Euch meinen seriösen Ansatz zu beweisen, folgen hier nun die technischen Daten des Suffwein-Prototyps: Die Herkunftsgegend ist der Minho im Norden Portugals. Mild, aber feucht, komplett atlantisch vom Klima her, grün und wüchsig. Die Rebsorten erfährt man nicht, aber es müssten Borraçal, Espadeiro und Vinhão sein, vielleicht auch noch ein paar andere, die uns allen wenig sagen. Der Jahrgang wird auf der Flasche ebenso wenig verraten. Warum auch? Das Leben ist kurz, und Etiketten kann man auch für ein ganzes Jahrzehnt im Voraus kaufen. Von der Genossenschaft in Ponte da Barca stammt der Wein, soviel wird wenigstens preisgegeben.

Über die anderen Daten bin ich dank des Teams von Pro Teste aber komplett im Bilde: 10,0 vol% Alkohol (yes!), 1,8 g Restzucker bei 6,8 g Säure pro Liter. Gesamtschwefelgehalt: 35 mg/l, kann in diesem Punkt also sogar als “vin naturel” durchgehen. Und ein Flaschendruck von 0,9 bar, na klar, ein zugesetzter Prickler, keine méthode champenoise. Das Ganze in der Literflasche für 3,95 €. Gekauft beim echten Portugiesen im echt portugiesischen Nürnberg. Santos Lebensmittel, Röthensteig 19, samstags bis 14 Uhr geöffnet.

GlasUnd, wie macht er sich so, der Suffwein aus der Literflasche? Fast blickdichtes Rot zunächst. Kommen einige Tropfen davon auf Euer vormals blütenweißen Hemd, könnt Ihr damit spaßeshalber eine ganze Waschmaschinenladung zartrosa einfärben. In der Nase Holunder, Heidelbeere, auch Oregano und ein ganzes Gebüsch mit Blattknospen. Am Gaumen moussiert der Wein natürlich, was diejenigen, die nicht öfter mal einen trockenen Lambrusco trinken, bei einem Roten erst einmal leicht verunsichert. Der Prickler ist aber nicht zu stark und macht die Bahn frei für viel Saft der schlehigeren Art. Säure ahoi, Tannine auch, Schalentannine, kein austrocknendes Holz. Und viel Trub zum Schluss, der nicht nach enorm starker Entrappung ausschaut. Ein ungemein erfrischender Wein jedenfalls für den wirklich großen Durst.

Nur bei zwei bis drei Gelegenheiten würde ich ihn nicht reichen: Zum Dinner mit einer ätherischen Dame, als Begleitung zu Fasanbrust oder inmitten einer Snob-Runde. Aber vor snobistischen Anwandlungen sind wir bei diesem Weinrallye-Thema ja gefeit. Sollte man jedenfalls meinen.

TrubMein Fazit: Sowas würde ich öfter haben wollen. Und warum bekomme ich das in Deutschland so schlecht? Weil alle Welt glaubt, mildholzige “Edelweine” feilbieten zu müssen, denn der Weinkunde in Deutschland ist zwar ein geiziger Schnäppchenjäger, aber er straft dafür (oder gar: deswegen) richtige Arbeiterweine mit Verachtung.

Ist das tatsächlich so? Hat das Herbe keine Chance mehr?

Für alle anderen Beiträge der Weinrallye #62  klickt bitte hier, Nico aktualisiert ständig.

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14 Antworten zu Weinrallye #62: Sie nannten ihn Suffwein

  1. Charlie schreibt:

    Du hast hier eine wichtigen Punkt angesprochen. Auch die Weine mit niedrigem Preis dürfen nicht billig schmecken. Und billig ist bei einem Roten “ohne Holz”

    • Matze schreibt:

      Du sagst es. Ich glaube, der Grundansatz von Schnäppchenkäufern ist immer, möglichst viel von irgendwas für “mein sauer verdientes Geld (schnief)” zu bekommen. “Wertig” ist da wohl der Fachbegriff. Und das bedeutet bei Roten eben in aller Regel eine Holznote, verursacht durch was auch immer. Billigweine sind ja stets extrem jung und als Ruckzuck-Abverkauf im Regel, also wirken sich selbst drei Monate Späne entsprechend aus.

      Interessant (aber das ist jetzt keine valide Studie ;)) finde ich ja, dass nach meiner persönlichen Beobachtung die Studentenrunde das Prädikat “lecker!” auch bei einem solchen, tja, Suffwein vergeben kann. Holz muss der prima Rote aber vor allem beim Herrn Oberstudienrat haben, wertig halt. Womit ich nicht die Herren Oberstudienräte verunglimpfen möchte, es ist rein symbolisch für in Wirklichkeit besserverdienende Schnäppchenjäger gedacht.

      • charlie schreibt:

        In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: was wäre bei einem deutschen Weisswein “wertig”? Vorausgesetzt er kann es überhaupt sein. Und ich meine jetzt nicht die Ausstattung der Flasche, GG, Medaillen etc, sondern etwas im Aroma oder Geschmack. “Trocken” schon mal.

  2. Pingback: Heute live und in Farbe: Weinrallye #62 – Sind 5€ die Grenze des guten Geschmacks? | Drunkenmonday Wein Blog

  3. Karl Brunk schreibt:

    Hallo Matze,
    ich muss mal wieder was loswerden. Achtung mit Aussagen wie “Gesamtschwefelgehalt: 35 mg/l, kann in diesem Punkt also sogar als “vin naturel” durchgehen.” Das nehmen einige Leute ernst und überlesen das “in diesem Punkt”. Und das ist es doch wohl nicht. 35mg/L sind ne Menge und auch konventionell zu erreichen, wenn man es dort wollte. Das Augenmerk auf alleine das Kriterium zu lenken, halte ich ohne Nebenkommentar dazu, für einen Fehler. Ich kenne einige Vin naturel Winzer, die Dir dafür entweder an den Kragen springen oder nur mitleidig den Kopf schütteln würden. Die Reduktion von meist biodynamischem Anbau auf den Restschwefelgehalt kann ja unmöglich dazu beitragen, dass die Leute mal verstehen, worum es da eigentlich geht.

    • Matze schreibt:

      Danke für den Hinweis – à propos “dass die Leute mal verstehen, worum es da eigentlich geht” ;): Definition auf wikipedia.fr, Stichwort “Vin Naturel”, 1. Satz: “Un vin naturel est un vin auquel on ne devrait pas ou peu ajouter de soufre lors de sa vinification, à l’heure actuelle il n’existe pas de législation ni de consensus autour de sa définition exacte.”

      Und da hast Du das ganze Dilemma. Ich weiß natürlich um die Schwierigkeit der vin naturel-Winzer, denn eigentlich haben sie sich ja “der Bewegung” angeschlossen, um frei von den ganzen kontrollierenden, korinthenkackerischen und vereinsmeiernden Elementen zu sein. Da sich dieser individualistische Ansatz also ziemlich schlecht mit kollektiv geltenden Vorschriften versteht, gibt es halt bislang vor dem Gesetz keinen “vin naturel”. Und damit kann auch ein Gérard Bertrand seinen Wein “Naturae” nennen, nur weil er keinen Schwefel zugesetzt hat (ansonsten aber konventionell wirtschaftet). Wäre jetzt nicht langsam die Zeit für eine verbindliche Regelung gekommen? Tut sich da was in Frankreichs Südwesten, so eine Verknüpfung aus “echten” Biodynamikern und “vin naturel-Neo-Winzern”? Oder braucht man gar keine Regelungen?

      Natürlich hast Du Recht damit, dass der in diesem Artikel vorgestellte 3,95 €-Literwein aus konventionellem Anbau stammt. Und völlig klar, der Gesamtschwefelgehalt von 35 mg/l sagt selbstverständlich nichts über sonstige Methoden und Rückstände aus. Gar nichts.

      Aber hoch ist er nicht. Die oberen Grenzwerte für den EU-Bioanbau liegen bei Rotweinen mit weniger als 2 g RZ/l bei 100 mg/l, also dreimal höher, im konventionellen An- und Ausbau bei 150 mg/l. Und glaub mir, hier in Deutschland liegen die Sulfit-Werte in gewöhnlichen Weinen, ja, auch in Bio-Weinen, durchschnittlich weit weit weit über den 35 mg… Was meinst Du, warum die deutschen Bioverbände vor der EU so vehement gegen die Südeuropäer vorgegangen sind, als jene den niedrigen Schwefelzusatz für die EU-Bio-Kellerrichtlinie einführen wollten?

      • Karl Brunk schreibt:

        Da geb ich Dir Recht. Es ist ein Kreuz mit den verschiedenen Quellen. Es ist vielleicht auch nicht so günstig von Wikipedia das als einführenden Satz voran zu stellen und dann erst weiter unten die präzisierenden Kriterien aufzuführen.
        Wenn ich alles zusammennehme, was ich in den letzten Jahren hier an Veränderungen in dem Bereich mitbekommen habe und die Gespräche auf dem Salon und der Konferenz in Albi, dann sieht es wieder so aus, als wenn alles wie gehabt am Endkunden hängen bliebe. Da würde dann auch keine EU oder staatliche Regelung helfen wie man an der Umsetzung der EU-Biorichtlinie sieht. Die gibt vielen Produzenten nur einen Freibrief und den Konsumenten ein gutes Gewissen ohne wirklich etwas dafür zu tun. Ich wundere mich oft über die Blauäugigkeit vieler Leute. Wer mit offenen Ohren und Augen durch die Medienwelt geht kann doch nicht alles was dort so auftaucht komplett ausblenden und denken, es wären immer nur Ausnahmen.
        Die Winzer hier, das hatte ich in einem Beitrag ja schonmal angesprochen sind da eher auf einem anderen Weg. Es muss viel im Gespäch bleiben und man darf sich nicht okkupieren lassen. Wenn also der Begriff Vin naturel überlaufen wird von Trittbrettfahrern, sollte man den Begriff fallen lassen und diskreditieren. Den Winzern selber macht das nicht soviel, weil durch die kleinen Produktionen, der direkte Kundenkontakt groß ist und die in ihrem Kundenkreis Aufklärungsarbeit leisten können.
        Oder sie passen mit den Mitgliedschaften ihrer Gruppe sehr auf und kehren den Mist raus, bzw lassen ihn nicht rein. Das zumindest kriege ich hier so mit wenn es um die Gruppe “terresdegaillac” geht.
        Bewundernd muss ich noch zu deinem Wein sagen, dass der ja schon fast Hoffnungen macht, wenn konventionell nur 35mg gebraucht wurden. Ich meinte hoch auch bezogen auf die naturel-Winzer.
        Mit dem 100mg Höchstwert – das tut mir auch weh und ich verstehe es auch nicht, warum sie es seit Jahren dabei belassen. Demeter meine ich jetzt. Selbst bei Nature & Progres dem französischen Pendant sind es zwar nur, aber dennoch 70mg bei Roten.
        Allerdings habe ich bislang mit keinem Winzer zu tun gehabt, der bei Roten dort landet. Inzwischen gehen die meisten “unserer” Winzer zu <25 über und ca. 30 Prozent der Weine sind komplett ohne Zusatz. Bei den naturel-Winzern scheint es auch so zu sein, dass je gesünder die Umgebung ist und je besser die indigenen Hefen, desto weniger Schwefel wird gebraucht. nicht unbedingt, weil es nicht mehr gebraucht wird, sondern, weil das Vertrauen einfach wächst, dass es völlig überflüssig ist.
        Heute bin ich selber allerdings nicht wegen Wein unterwegs gewesen. Ich hatte heute das Vergnügen in einer Destillerie, drei Produktionen von rein tarnais'ischem Whiskey in Bioqualität zu probieren. Hervorragend! Und wird wohl auch bald in Köln sein wenn ich Anfang Juni dort bin wenn wir Gaillac et Voisins vergrößern.

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  5. eline schreibt:

    Vinho Verde Tinto hab ich beim Wandern in Nordportugal kennen und lieben -gelernt.
    Ein darin geschmortes Kaninchen mit viel leichter Sauce, grüner Petersilie und geröstetem Brot blieb nachdrücklich in Erinnerung. Die dazu gehörenden Reben haben wir auch kennengelernt: in den wilden Wäldern an den zahlreichen Flussufern wachsen sie wie Lianen an den Bäumen.
    Danke für diese Erinnerung!

    • Matze schreibt:

      Das erste und einzige Mal in Nordportugal war ich auf Interrail. Irgendwie standen damals andere Fragen im Fokus wie “Wo kann man in Porto die Nacht durchmachen?” Aber ich kann mich immer noch gut an das grüne Land und das wilde Meer erinnern. Vielleicht wird es ja demnächst mal wieder etwas mit einer Reise dorthin, ist schließlich schon lang genug auf der Optionalitäten-Liste ;).

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  7. Jochen schreibt:

    Naja, ein Schnäppchenjäger muss ja noch nichts schlechtes sein. Umgekehrt ist doch viel schlimmer: Teuerer Wein ist oft überteuert. Warum dafür extra zahlen?

    Klar, der eigene Geschmack ist der Maßstab – nicht der Preis. Daher ist es ja auch klasse, dass im Rahmen der Rallye einige Weine vorgestellt werden, die tatsächlich mehr können, als sie kosten.

    Mit so nem Mundprickler kannste mich allerdings jagen. Aber wie gesagt: Geschmackssache… ;)

    • Matze schreibt:

      Okay, das mit dem Schnäppchenjäger ist wahrscheinlich eher eine Definitionsfrage. Wenn ich also eine gute Ware zu einem guten Preis kaufen will, bin ich nach meiner (stimmt: abwertenden) Definition kein Schnäppchenjäger. Wenn ich aber ausschließlich darauf aus bin, Dinge möglichst billig abzustauben und mich das ganze Drumherum nicht tangiert (zum Beispiel per Sklavenarbeit erzeugt – oder aber wenn mich die Sache als solche gar nicht interessiert, sondern nur der Sport des Jagens), dann ist das in meiner Definition die “schlechte” Schnäppchenjagd.

      Ich erzähl’s übrigens immer wieder mal gern: Die RVF, die wichtigste französische Weinzeitschrift, hatte vor einiger Zeit mal ausgerechnet, wie teuer eine Flasche Wein maximal werden könnte in der Herstellung. Das Ergebnis: 30 € (Château Latour war glaube ich das Beispiel). Mehr geht nur bei 100% Steillage, Biodynamik, eine Traube auf fünf Rebstöcke.

      Insofern: Völlig d’accord, 1.000 € für eine Flasche ist wesentlich doofer als ein saurer Prickler für 3,95 € ;).

  8. Pingback: 1. Mai: Biertest | Chez Matze

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