By the sea

1 - Titel Folkestone Sonnenaufgang“Oh…eh, Merry Christmas!” So begrüßt uns unser Landlord, als wir zur Tür eintreten. Dabei betrachtet er mit sichtlicher Verwirrung die zusammensteckbaren Teile des Plastik-Weihnachtsbaums in seinen Händen. “Bis zur Christmas Party muss ich das Prinzip spätestens begriffen haben, denn dann ist der alte Kasten hier ausgebucht, und die Leute wollen halt eine schöne Dekoration, wenn sie ihren Punsch trinken!” Nach Folkestone, liebe Freunde, reist man als Besucher vom Kontinent nicht. Ganze neun Meilen haben wir seit der Fähre von Dover geschafft. Folkestone ist im besten Fall Durchgangsstation. Da hilft es wenig, dass man von hier bis nach Frankreich blicken kann, dass einem das Meer direkt zu Füßen liegt und offenbar noch nicht einmal, dass die Unterkünfte hier außerhalb der Saison nur die Hälfte des sonst in England üblichen Preises kosten. 35 £ haben wir für unser Doppelzimmer mit Meeresblick bezahlt.

2 - Klippen von DoverIrgendwann hatte ich auf diesem Blog bereits geschrieben, dass ich mindestens einmal im Jahr nach England muss. Mit der Fähre. Einmal im Jahr möchte ich die Klippen von Dover sehen, die Schafe auf den kurzgrasigen Wiesen, skurrile Menschen wie unseren Mr. Fawlty Towers treffen, ein mildes Bier trinken, dazu original “Pub Grub” essen, ein Blätterbuch bei Waterstones kaufen und auf der linken Straßenseite in den Kreisverkehr fahren. Und natürlich das typische Inselgefühl haben: rings herum Meer.

3 - Folkestone ZahnradbahnIn Folkestone befindet man sich übrigens nicht direkt am Meer, sondern über dem Meer. Auch deshalb kommen nicht allzu viele Urlauber, denn mochte man früher noch auf der Promenade lustwandeln, wollen die Feriengäste heute einen Pier mit Slot Machines, einen schönen Strand, den man mit Badehose und Handtuch sofort vom Zimmer aus erreicht – und dahinter natürlich eine Reihe von Fish & Chips-Etablissements. Immerhin gibt es aber eine mit Wasserkraft betriebene Zahnradbahn. Seit 1885 zuckelt und quietscht sich dieses Vehikel den Hügel hinauf und hinab. Dass wir die einzigen Gäste sind, verwundert uns nicht. Draußen regnet es leise, und am Meer hat sich lediglich eine Schar Möwen eingefunden.

4 - Sausages & Mash5 - Folkestone PullmanSpricht man mit anderen Menschen über England, wird einem gern ungefragt mitgeteilt, wie schlecht das Essen dort doch sei. Außer von denjenigen, die extra wegen des Essens kommen und dann bei Heston Blumenthal, Gordon Ramsay oder auch weniger illustren Avantgarde-Köchen in London einkehren. Wir wählen da meist einen Mittelweg. Ich brauche für mein England-Feeling einen echten Pub, der aber – wenn’s geht – auch schon mal etwas anderes tun darf als auftauen und in die Mikrowelle schieben. In Folkestone haben wir erstaunlich gut klassisches “Pub Grub” im Pullman gegessen. “Sausages & Mash” bleiben natürlich auch hier Würstchen mit Kartoffelbrei, aber Fleisch, Würzung und Soße machen den Unterschied.

6 - Folkestone SchmetterlingEin kleiner Spaziergang nach dem Essen stärkt das persönliche Wohlbefinden. Hinter dem alten Hafen von Folkestone kann man auf einer Treppe die hier nicht sehr hohen Klippen ersteigen. Richtig warm wird es an dieser geschützten Stelle, die direkt nach Süden aufs Meer zeigt. Gerade wollte ich darauf hinweisen, dass man in Folkestone bestimmt gut Wein anbauen könnte, da sehe ich einen kleinen Weißling, der den Nektar aus einer der hier offenbar ganzjährigen Blüten saugt. Das Wunder des Meeres, fast auf demselben Breitengrad wie Irkutsk. Und dort werden es heute Nacht -33 °C.

7 - FolkestoneDer Hügel über dem Meer. Viele Dächer haben diesen typischen Flechtenbewuchs.

8 - Folkestone HafenUnten am alten Hafen liegen die Fischerboote im Sand. Sieben Meter Tidenhub.

Nach ein paar Kilometern landeinwärts kommt man nach Canterbury, einer Stadt mit 9 - Canterbury The Foundryeiner deutlich größeren Bedeutung, als ihre heutige Einwohnerzahl erwarten ließe. Es gibt ja nicht allzu viele touristische Stätten, die ich gern ein zweites oder drittes Mal aufsuche. Auf dem Eiffelturm war ich zum Beispiel noch nie. In die Kathedrale von Canterbury bin ich hingegen auch diesmal wieder gegangen. Da Ihr Euch hier auf einem Foodblog befindet, möchte ich Euch in dieser 10 - Biere The Foundry Stadt wenigstens einen ziemlich neuen Brewpub empfehlen, der zwar zentral liegt, aber irgendwie weitab der Besucherströme. “The Foundry” wurde im Juni 2011 quasi wiedereröffnet und hat mittlerweile zehn Biere im Angebot. Zwei davon habe ich gestestet: Das “Foundry Man’s Gold” hat nur 4 vol% Alkohol und wird ziemlich deutlich von der Hopfensorte Citra geprägt. Frisch ist das Bier, frühlingshaft, Zitrusfrüchte im Mund, aber nicht übertrieben bitter. Das “Street Light Porter” besitzt 5,8 vol% und ist von einer ganz anderen Statur: sehr rosinig, insgesamt mit vielen Dörrfrüchten im Geschmack, leicht röstwürzig und fast ein “winter warmer”, jedenfalls ein Bier für die kalte Jahreszeit.

Meine England-Besuche haben meist einen einzigen Nachteil: Sie sind sehr schnell wieder vorbei. Tröstlich ist dabei, dass es auf der anderen Seite des Kanals zwar ganz anders, aber genauso interessant ist. In Audresselles war ich schon relativ oft und habe frischen Fisch und sehr selbstgesucht aussehende Meeresfrüchte gegessen – immer bei Mimi!

11 - Audresselles MöweNicht jeder geht zum Muschelessen ins Restaurant. Bei Ebbe machen sich Jäger und Sammler auf den Weg, den am Strand von Audresselles liegenden Felsen abzusuchen.

12 - Audresselles MeeressucherSonntagsvergnügen auf Französisch.

13 - Audresselles MiesmuschelkunstAuf den Felsen haben sich die Miesmuscheln in erstaunlichen Formationen zusammengefunden. Meist gibt es dort winzige Risse im Untergrund, in denen das Wasser noch ein wenig länger verbleibt.

14 - bei DunkerqueWas das Meer für mich so wunderbar macht, das ist auch seine Interaktion mit dem Himmel. Schnell ziehen die Wolken dahin, die tatsächlich so aussehen wie auf den Bildern der niederländischen Maler.

15 - BrüsselDiesen Meereseinfluss merkt man auch schon am Himmel über Brüssel. Oft beschweren sich Leute darüber, dass es in Brüssel ständig regnen würde. Natürlich stimmt das nicht wirklich. In Brüssel regnet es zwar oft, aber wie direkt am Meer ziehen die Schauer genauso schnell wieder ab.

16 - Austern im PlastikhotelBevor es dann wieder in den tiefen Osten geht, übernachten wir noch in einem der nur mittelcharmanten Plastikhotels. In Deutschland als Preziose in teure Restaurants und Feinkostgeschäfte verbannt, gibt es hier zum Abschied ein paar Austern. Fast fühle ich mich an meine Zeit in Cancale erinnert, als ich einen Monat lang täglich Austern gegessen und mich dabei komplett undekadent gefühlt habe.

Wie ist es mit Euch? Wann wart Ihr zum letzten Mal am Meer? Und wäre ein Meeresspaziergang am Neujahrsmorgen nicht genau das Richtige?

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10 Antworten zu By the sea

  1. jens schreibt:

    Mit dem Meer ist es schon viel zu lange her. Juni diesen Jahres auf Sizilien. Da gab es aber keine Austern……Wieder ein toller Bericht Matze….Vielen Dank dafür!!!!

    Auch für den Tip mit dem Restaurant. Vielleicht wird es ja nächstes Jahr etwas und ich fahre mal in diese Richtung…..

    Jens

    • chezmatze schreibt:

      Mach das! Ich sag’s ja immer wieder gern: Von Köln nach Audresselles dauert es nicht länger als von Köln nach Nürnberg. Und sowas wie Letzteres machen am Wochenende tausende Pendler.

  2. Christoph schreibt:

    Ich habe bei der Lektüre direkt Fernweh bekommen.

  3. Christoph schreibt:

    Das letzte Mal war es in Südengland. In Broadstairs. Ostern letztes Jahr.

    • chezmatze schreibt:

      A propos Broadstairs, da gibt es einen Pub namens “Sir Stanley Gray”, der zum Pegwell Bay Hotel auf der anderen Straßenseite gehört. Von diesem Pub aus hat man einen fantastischen Blick über die ganze Küste bis runter nach Dover. Als wir dort waren, mussten wir immer zum Meer rausblinzeln und haben uns gar nicht richtig auf das Essen konzentriert… Freu mich übrigens sehr, dass wir uns beim “Wurzelechte-Gemischte-Sätze-Event” wiedersehen!

  4. Jörg schreibt:

    Neujahrsmorgen am Meer? Oh ja! Mein letzter ist leider schon mindestens 8 Jahre her – auf Föhr. Dort war DAS MEER GEFROREN!! Ich konnte es selbst kaum glauben, aber weil das Watt an Föhrs Nordküste ja besonders ausgedehnt ist, hat das Wasser dort bei großer Kälte keine Zeit, wieder abzulaufen oder im Sand zu versickern und wird gleichsam vom Frost eingeholt, einschließlich der Schaumkronen. Ein surrealer Anblick.
    Wird mir leider zu diesem Jahreswechsel wieder nicht vergönnt sein – Vater Rhein will einfach nicht zufrieren …
    Grüße & see you on “the 12th night” ;- )

  5. Charlie schreibt:

    Mein Verhältnis zum Meer, zumal zum britischen ist literarisch http://www.amazon.de/Weymouth-Sands-John-Cowper-Powys/dp/0715638750

  6. Alex schreibt:

    Sehr schön. Ich musst gleich an meinen Trip nach Dublin und Howth denken. Das ist allerdings auch schon wieder über 2 Jahre her. DIe “gigas” Austern am Markt in Dublin waren der Hammer!

    http://blindtastingclub.net/misc/impressions-from-dublin/

    http://blindtastingclub.net/restaurants/ivans-oyster-bar-grill-howth-ireland/

    VG und Frohes Neues!

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