Das große Most-Wochenende

TitelDer Riese nahm den Stein und presste ihn, bis das Wasser heraustropfte. “Das mach mir nach, wenn du Stärke hast!” “Wenn’s weiter nichts ist”, sagte das Schneiderlein, nahm den weichen Käse aus der Tasche und drückte ihn, dass der Saft herauslief. “Gelt”, sprach er, “das war ein wenig besser”. Der Riese aber wollte es ihm zeigen und griff sich einen Boskoop vom Apfelbaum, “nun, wie ist es hiermit?” Aber wie sehr er sich auch mühte und plagte, kein Tropfen wollte der harten Frucht entweichen. “Ach scheißt der Hund drauf”, sprach er alsdann, “den Stein press ich mit einem Finger aus. Aber an diesem Apfel sollen sich Matze und sein Schwager versuchen. Das muss unsere Plage nicht sein!” So sah es auch das Schneiderlein. Feixend teilten sich Riese und Schneider den alten Käse, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch glücklich und zufrieden.

Soweit das Märchen vom verhinderten Mosterich. Szenenwechsel. Ein später, frostiger Novembertag in Mittelfranken. Matze ist mit seinem verblüffend geräumigen Automobil auf Sommerreifen angefahren gekommen (er wird seine gerechte Strafe schon noch erhalten), den Innenraum voller Äpfel, die ihm der Riese extra für das GROSSE MOST-WOCHENENDE von den Bäumen geschüttelt hatte. Der Riese, das war in Wirklichkeit Matzes Vater, ein ausgesprochener Apfelliebhaber, der in Garten, Feld und Wiese unermüdlich unterwegs war, um etliche Zentner der duftenden Früchte zu ernten. Nun, Matzes Vater liebt Äpfel so sehr, dass er einmal einen Baum in seinem Garten mit nicht weniger als 20 verschiedenen Sorten veredelt hatte. Hernach verschmiss er aber den Zettel mit den Apfelnamen, und seitdem weiß niemand mehr, welche Sorten der Baum in Wirklichkeit trägt.

0 ApfelsortenSo auch diesmal. Als Matze die Äpfel abholen kam, lagerten in Bananenkisten schon seit einem Monat (denn leider hatte Matze vorher keine Zeit) viele verschiedene Äpfel von grüner, gelblicher und roter Farbe. Matze verzichtete erst einmal auf diejenigen, an denen sich eine Mäusefamilie gütlich getan hatte und beschloss, aus dem übrigen Apfelwust drei verschiedene Partien ausbauen zu wollen. Er nahm also drei Eimer und sortierte immer wieder reihum. Die erste Partie sollten die grünlichen Äpfel bilden. Obwohl sie unreif aussahen, besaßen sie einen ausgewogenen Geschmack zwischen Süße und Säure. Die zweite Partie möge aus den kleinen, rötlich-speckigen Äpfeln bestehen, die am wenigsten sauer schmeckten. Und die dritte Partie wären dann jene Äpfel mit der harten, gerbigen Schale und der ausgesprochen saftig-säuerlichen Note.

1 Äpfel2 Äpfel3 Äpfelm

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Matze wusste nicht so recht, ob die Äpfel geeignet sind für seine Zwecke. Sein Vater isst ja täglich welche und hatte deshalb eher nach Tafel-, denn nach Mostäpfeln gesucht – wenngleich es sich um alte Sorten auf alten Bäumen handelte, ungespritzt und ohne eingetragenen lebenden Besitzer. Das verriet die Stadtverwaltung, denn Ordnung muss sein. Äpfelklau ist kein Kavaliersdelikt, so heißt es doch schon in der “Anleitung zum braven Staatsbürgertum”.

4 MispelnDamit die vermeintlich dünnschaligen Tafeläpfel wenigstens ein wenig mostapfeligen Charakter bekämen, klaubte Matze noch einige Mispeln vom Boden auf. Jene sind derartig gerbig, dass eine Handvoll davon die Schalen eines ganzen Apfelbaumes zu ersetzen vermag. Eine großartige Frucht übrigens, kaum jemand scheint sie mehr zu würdigen.

5 WaschenDie Äpfel mussten nun zunächst gewaschen werden. Denn obgleich es sich um Pflück- und nicht um Falläpfel handelte, hatten sie doch über einen Monat lang im Freien gelegen. Zudem hatte der Mausgebrauch seine Spuren hinterlassen.

6 MahlenAnstrengend schaut es aus, wie der Schwager sich hier über die Obstmühle beugt und an der Kurbel dreht. Aber alles halb so wild, diese Mühle war das einzige technische Utensil, das sich für die heutige Arbeit wirklich eignete.

7 SchnitzelSo sehen die gemahlenen, sprich neudeutsch “gecrushten” Äpfel nachher aus. Natürlich oxidieren sie schon leicht, aber Gnade dem überheblichen Riesen, der die Äpfel zur Gänze in seine Handpresse legte. Blut, Schweiß und Tränen wären das Ergebnis.

9 PressenMatze weiß schon, dass er die Presse vom Puppenhausbedarf erstanden hat. Aber er redet sich heraus. Sie sei ihm stabiler vorgekommen als die anderen Gakeln, die sich noch im Angebot befunden hätten. Und außerdem sei es ja nicht weiter schlimm, sie drei- oder viermal zusätzlich zu befüllen. Eine Sache von 20 Minuten.

10 MännleNun darf sich die Presse natürlich nur in eine Richtung drehen lassen, damit auch alles darunter geplättet wird. Um jenes zu erreichen, werden kleine, bewegliche Eisenteile in das Pressrad gegeben, die sogenannten Männle. Abgeflacht sind die Männle einseitig, also bewegen sie sich immer nur einen Schritt vorwärts und nie zurück. Theoretisch. In der Praxis springen die Männle ganz aus dem Gerät, sobald ein wenig Druck aufgebaut wird. Die Presse scheint eher für Brombeeren konstruiert zu sein. Matze und sein Schwager schwitzen, fluchen und drücken, fünf Hände bräuchten sie, jeder einzelne von ihnen.

11 MessenEndlich kommt ein wenig Saft aus der Maschine geronnen. Die Spannung steigt – was sagen die Werte? Die grünen Äpfel bringen 59 Oechsle auf die Waage bei einem pH-Wert von 3,1. Die kleinen, roten, speckigen, trockenen Biester (200 ml aus fünf Kilo Äpfeln…) kommen mit 56 Oechsle und einem pH-Wert von 3,3 daher. Schließlich noch die gerbig-schroffen Äpfel: 67 Oechsle bei großzügig gemessenen 3,0 pH. Das würde ja fast für einen Qualitätswein langen!

12 KuchenSo sieht das aus, was übrig bleibt. Ein echter Apfelbauer brennt aus dem Trester natürlich noch ein feines Verdauungsgetränk. Wir aber geben den ausgepressten Apfelkuchen auf den Kompost, in dem ein Igel wohnt, der ebenfalls ein großes Apfelinteresse zeigt.

13 MaischenWeil unsere beiden Helden einfach nicht recht weiterkommen mit der winzigen Presse, den hüpfenden Männles und den trockenen Früchten, beschließen sie, einen der Glasballons einfach mit zermahlenen und nicht ausgepressten Äpfeln zu füllen. Klassische Maischegärung soll das werden. Weil so etwas aber noch viel schneller gammelt als der ausgepresste Saft, gibt Matze schweren Herzens hier ein wenig Schwefel hinzu. Die beiden Säfte hingegen (denn nur die dritte Sorte wurde reinsortig gepresst, der andere Ansatz musste zur Cuvée werden) gehen hoffentlich auch ohne Schwefel, zugesetzte Hefen oder irgend etwas anderes ihrer wohlverdienten Gärung entgegen.

15 MosteLeider ist es mittlerweile ja bitterkalt geworden, was für Gärprozesse im Allgemeinen nicht geeignet erscheint. Ob es jetzt noch etwas wird mit dem Most? Matze geriert sich als Gleichmut in Person. In zwei oder drei Wochen wird er noch einmal hinfahren und im Keller nachschauen. Wenn dann immer noch nichts blubbert, ist ja immer noch Zeit, das eine oder andere zu tun.

Gelernt hat er jedenfalls schon sehr viel. Im nächsten Jahr, so hören wir ihn sprechen, möchte er früher dran sein. Sich die Apfelbäume genau aussuchen, die Äpfel selbst pflücken, vielleicht gar Birnen dazu. Dann muss er sich auch eine andere Presse besorgen, eine, die den Schwager und ihn nicht verärgert. Und im Freien möchte er mahlen und pressen, weil das viel schöner und romantischer ist als im Keller. Schließlich mag auch die Gärung besser einsetzen, wenn es noch nicht so kalt ist. Aber warten wir ab, was alles bis dahin passiert. Es kommt ja gelegentlich anders als man denkt. Und wenn alles schief geht, der Most schimmelt oder zu Essig wird, Matze den Ballon aus Versehen umstößt oder bei der ungewollten Zweitgärung im Frühjahr alle Flaschen explodieren – eins bleibt Matze ganz gewiss erhalten. Die 97 übrig gebliebenen pH-Streifen.

Wie sehen eigentlich Eure Most-Erfahrungen aus? Geschimmelt, vergammelt, dumpf – oder fruchtig, köstlich, brilliant? Kann ich die Suppe wirklich bis kurz vor Weihnachten so einfach stehen lassen, ohne irgendwas zu tun? Und wer von Euch würde gern den ersten Schluck des vergorenen Gebräus nehmen wollen (Schmerzensgeldforderungen schließen wir vertraglich aus)? Jedenfalls werde ich Euch weiter berichten.

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4 Antworten zu Das große Most-Wochenende

  1. Alex schreibt:

    Sehr schön. Bei uns in Frankfurt wird in den Ebbelwoi-Kneipen hinterher immer noch ein “Misbelche” getrunken. Eine wirklich leckere Frucht!

    • chezmatze schreibt:

      Lustigerweise habe ich die Mispel über ganz seltsame Umwege kennengelernt: Erst in Andalusien, wo es eine von der japanischen Mispel abstammende Frucht gibt. Fruchtiger als “unsere” Mispel, nicht ganz so gerbig, aber immer noch genug. Dann ist mir die hiesige Mispel in Westfrankreich begegnet; auch dort gibt es eine lange Tradition des Anbaus. Und erst danach habe ich bei uns auch Mispelbäume bewusst entdeckt. Ein “Misbelche” habe ich aber noch nie getrunken. Da sind die Früchte in Alkohol eingelegt, oder? Also kein aus gepresstem Mispelsaft hergestellter Mispelmost. Der würde den Magen jedenfalls gut auskleiden ;)

  2. Alex schreibt:

    Ja, ich denke das sind nur die Früchte in Alkohol eingelegt. Gibt es in jeder Frankfurter Ebbelwoi-Kneipe. Vielleicht werden die auch noch mit nem Schuss Calvados serviert, müsste ich bei Gelegenheit prüfen.

  3. Pingback: Was ist eigentlich aus meinem Cider-Projekt geworden? | Chez Matze

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