Unbeliebte Rebsorten im Weinglas, Folge 5243: Carignan Blanc

Vor mehr als zehn Jahren beschloss der Journalist Daniel Le Conte des Floris, seinem noblen Namen zum Trotz ein einfacher Weinbauer zu werden. So ganz zufällig kam diese Entscheidung natürlich nicht zustande, denn Daniel hatte unter anderem bereits für die Revue du Vin de France geschrieben. Die Weinmaterie war ihm also nicht so ganz fremd. Um den praktischen Anforderungen gewachsen zu sein, absolvierte er flugs noch eine Lehre im Burgund. Als Quer- und Neueinsteiger kann man in der Regel nicht gleich eine renommierte Domaine übernehmen, und so kaufte Le Conte des Floris einige Parzellen in der Nähe von Pézenas, im „flachen“ Languedoc.

Bepflanzt waren diese Parzellen zum großen Teil mit einer Rebsorte, die es irgendwie nie geschafft hatte, als Qualitätsweinproduzent anerkannt zu werden: dem Carignan Blanc. Es handelt sich dabei um eine natürliche Mutation des Carignan Gris, und seine zufälligen Entdecker anfangs des 20. Jahrhunderts hofften, dass sie damit den Terret Blanc ersetzen konnten, der als mager und säurebetont galt.

Aber irgendwie war die erste Begeisterung schnell dahin. Der weiße Carignan reifte spät, und wer nicht so lange warten wollte und zudem noch die Erträge in unheilvolle Höhen trieb, erntete genau dieselbe Plörre, die er eigentlich vermeiden sollte. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts nimmt die Rebfläche für den Carignan Blanc daher stetig ab. Wenn man diese Entwicklung einfach fortschreibt, müsste der Carignan Blanc in 20 Jahren eigentlich verschwunden sein. Zum Glück wird das nicht passieren. Dass ich die Erhaltung dieser Rebsorte für ein Glück halte, hat nicht nur etwas damit zu tun, dass ich Diversität grundsätzlich begrüße. Es hat auch etwas damit zu tun, dass Winzer wie Daniel Le Conte des Floris mittlerweile sehr gute und interessante Weine aus ihr bereiten.

Der Wein, den ich Euch hier vorstellen möchte, heißt „Lune Blanche“. Er besteht im Jahrgang 2005 aus 98% Carignan Blanc mit entsprechend kleinen Zusätzen von Terret Bourret und Marsanne. Der durchschnittliche Hektarertrag für diesen Wein liegt bei 25 hl, was die Gefahr der sauren Wässerigkeit nicht unerheblich mindert. Die alkoholische und die malolaktische Gärung hatte der Traubensaft bereits im Holzfass durchgemacht, bevor er für ein Jahr in – hauptsächlich gebrauchte – Barriques und weitere sechs Monate in den Stahltank kam. Zusammen mit der ausschließlichen Verwendung weinbergseigener Hefen und einem moderaten Schwefeleinsatz ergibt das Ganze einen Wein, der von vornherein auf Lagerfähigkeit ausgerichtet war.

Nach dem Einschenken ins Glas bin ich gleich ziemlich überrascht, weiß aber nicht, ob ich begeistert sein soll. Der Wein ist nämlich richtig dunkel, goldfarben wie ein Sauternes. In der Nase spürt man gleich, wo die Vinifikationsvorbilder für Daniel Le Conte des Floris liegen: im Burgund. Dies ist eine Art Coche-Dury, nein, nicht für Arme, sondern für Weine des Südens. Holz ist natürlich zu spüren, leicht reduktive Noten, die Anmutung von Gerbstoffen, Akazienhonig, aber auch viel Frische und Mineralität. Am Gaumen ist der Carignan Blanc reif, weich, leicht malzig, aber mit einer schön lebendigen Säure ausgestattet, also keinesfalls fett. Von den Aromen her haben wir hier keine Primärfrucht zu erwarten, sondern Gewürze wie Kurkuma, einen dunklen Stein (der Untergrund besteht teilweise aus Schiefer) und ein insgesamt elegantes Erscheinungsbild, das sich mit Lufteinfluss noch besser präsentiert.

Ein kleines Fazit gefällig? Nun, eigentlich wollte ich als nächstes einen ganz anderen Artikel schreiben. Und ein Weißwein aus dem Süden scheint auch irgendwie gar nicht in die Jahreszeit zu passen. Aber dieses Getränk hat mich durchaus beeindruckt. Ich empfehle Euch also wärmstens, den „Lune Blanche“ von Daniel Le Conte des Floris entweder gut abgelagert zu kaufen und zu trinken – oder ihn jung zu kaufen und dann über die nächsten Jahre nicht anzufassen. Dies ist nämlich ein Faugères-Burgunder, kräftig und elegant, steinig und würzig, intensiv und langlebig. Als Speisenbegleitung könnte ich mir die Kalbfleisch-Morchel-Crème-Variante genauso vorstellen wie gebratenes Bressehuhn ohne Chichi. Die ansonsten bei fruchtlos-herben Südweißen immer gut gehenden Sachen wie Tapenade, frittierten Fisch oder Brandade würde ich dagegen nicht so empfehlen. Dafür ist der „Lune Blanche“ einfach zu präsent und, tja, Coche-Dury-esque.

Ich habe den „Lune Blanche“ 2005 im Chameau Ivre in Béziers für 16 € gekauft, einer der besten Weinbars Südfrankreichs. Bei meiner (allerdings nur oberflächlichen) Suche im Internet habe ich genau diesen Wein hier für 19,95 € gefunden. Ich wage fast zu behaupten, dass es sich dabei bislang um einen ziemlichen Ladenhüter gehandelt hat, weil den Wein kaum jemand in Deutschland kennt. Wenigstens für meine Matze-Mini-Community gilt das jetzt nicht mehr.

Welche Weißweine aus dem Mittelmeerraum sind eigentlich Eure Favoriten? Oder haltet Ihr es eher nach dem Motto: Weiße aus dem Norden, aus dem Süden nur Rote?

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7 Antworten zu Unbeliebte Rebsorten im Weinglas, Folge 5243: Carignan Blanc

  1. jens schreibt:

    Genau so halte ich es eigentlich Matze. Obwohl ich sagen muss, dass mir Cassisweine immer irgendwie gut gefallen haben – wenn ich vor Ort war. Nach Deutschland hat es davon keiner geschafft. Ein paar weiße Bandol hab ich auch getrunken. Auch gut. Aber alles auch nichts, was ich in größeren Mengen kaufen würde. Eigentlich sind die Weine vor Ort genau richtig. Picpoul finde ich auch irgendwie immer wieder gut und wenn Du im Languedoc bist, dann ist das genau das richtige um Austern zu essen.

    Weiße C9dP! Jung eher ziemlich anstregend. Mit Reife toll – aber auch teuer. Der einzige wirklich gute, überzeugende und preislich passende Wein aus dem Süden ist für mich sowohl der weiße Domaine de Tour, als auch der weiße Chateau de Tour. Die roten übrigens auch…..

    • chezmatze schreibt:

      Ja, die Château und Domaine des Tours-Weine sind irgendwie die ganz großen Geheimtipps (naja, mittelgeheim ;)) an der südlichen Rhône. Ich habe ja leider noch nie einen Château Rayas probieren können, weder in Rot noch in Weiß, aber man sagt ja, dass nicht nur wegen derselben Besitzer die Château des Tours-Weine stilistisch einen echten Vorgeschmack liefern sollen.

      Und Coche-Dury sollte man wohl nur vor Ort im Restaurant ordern. So will es der Winzer ja auch haben.

  2. jens schreibt:

    Ach ja! Coche Dury find ich übrigens auch top…. ;-)

  3. Torsten schreibt:

    Faszinierend – alte weiße von Mas de Daumas Gassac (hatte mal eine kleine Vertikale bis runter nach 1988 und weiß jetzt, dass ich meine jungen Reserven nicht vorzeitig vergeuden soll.)
    Immer wieder gut: Mas Jullien Blanc, auch zu empfehlen die Weißen von Clos Marie, Domaine de l´ Aiguelière, Prieure St. Jean de Bebian (aber leider recht teuer), Borie de Maurel, Jean Gardiès und Gerard Gauby (leider auch recht teuer) – du siehst schon, egentlich alles eher Blue Chip Domainen…

    Interessieren würde mich sicher auch once in a lifetime der weiße Grange des Pêres, aber ich bin hier schon froh, dass ich paar Flaschen in rot davon mein Eigen nennen darf.

    Ansonsten natürlich weiße Prioratos – ein weites Feld für Schatzsucher, aber die meisten vermuten hier eher Minenfelder und haben Angst davor…

    Beste Grüße

    Torsten

    • chezmatze schreibt:

      Na, da decken sich unsere Vorlieben ja ziemlich ;)

      Ich weiß nicht, ob Du damals meinen Post gelesen hast, als ich den weißen Grange des Pères mal probieren konnte (http://chezmatze.wordpress.com/2011/11/13/ein-teures-vergnugen-grange-des-peres-blanc-2005/), aber ich nehme es an, nachdem Du ja so um den Roten kämpfen musstest…

      Mas Jullien blanc hatte ich mal zu jung getrunken, aber ich werde zumindest partiell ein bisschen schlauer und habe die beiden restlichen Flaschen wieder schön in den Keller gestellt. Von Gardiés war ich sehr angenehm überrascht beim allerkleinsten, dem Mas Las Cabès. Ein ganz anderer Typ natürlich, trocken und feinfruchtig, hauptsächlich aus Muscat.

      Mein bislang fehlendes once-in-a-lifetime-Erlebnis wäre eine Horizontale aller großen Gauby-Weine von den einzeln ausgebauten Parzellen. Ich glaube, das sind mittlerweile sechs oder sieben, drei Weiße und vier Rote.

      Ganz ähnlich intensiv wie die Priorats fand ich übrigens den Collioure L’Argile von der Domaine de la Rectorie. Im Holz ausgebaut, braucht also immer eine Weile, um sich einzubinden.

  4. Stephan schreibt:

    Wir hatten vor ca. einem Jahr mal einen 100% Carignan Blanc von Riberach aus dem Roussillon. Ich fand den Wein etwas anstrengend. Die Säure des Carignan Blanc finde ich schon ziemlich brachial. Interessant war der Wein allemal. Aber vielleicht ist Carignan Blanc dann doch eher als Verschnittpartner geeignet. Die Weißweine aus dem französischen Süden trinke ich hier und da mal ganz gerne, als Abwechslung müssen auf jeden Fall immer ein paar im Keller liegen, von eher schweren Weinen auf Roussanne, Marsanne oder – weiter nach Westen – Grenache Blanc und Gris und Macabeu-Basis über eher etwas frischere Weine aus Vermentino/Rolle in der Provence. So richtig mega-elegant finde ich zwar selten einen dieser Weine, aber die Welt besteht eben auch nicht nur aus Eleganz.

    • chezmatze schreibt:

      Ich habe eigentlich recht gute Erfahrungen mit diesen “Süd-Weißen” als Essbegleiter gemacht. Von der Struktur und der Aromatik her fand ich, dass sie sich auch gut zu Gerichten eignen, bei denen viele Leute normalerweise vielleicht zu Rotweinen greifen würden. Frittiertes, Tomatiges, Oliviges, da nehme ich gern mal einen Weißen aus dem Midi – wenn jetzt nicht eine bestimmte (dunkle) Fleischart stark hervorsticht.

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